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Kriminalität um Flüchtlingsheime gestiegen? – Warum die Polizeistatistik ein ungeeignetes Messinstrument ist

Es ist ein Kampf gegen Windmühlen. Immer wieder verwenden Presse und Politik die Kriminalitätsstatistiken, um eine Aussage über die tatsächliche Kriminalität zu treffen. Zumeist ist die Polizei an diesem Missstand nicht ganz unschuldig, denn häufig weißt sie nicht ausreichend darauf hin, dass ihre Zahlen dafür völlig ungeeignet sind.

I.
Kriminalität um Flüchtlingsheime soll gestiegen sein

Aktuell bezieht sich beispielsweise der Focus auf angeblich gestiegene Kriminalität rund um ein Flüchtlingsheim in Braunschweig. Vor allem leichte Kriminalität soll gestiegen sein. Unter anderem sollen sich die Zahlen des Ladendiebstahles verdreifacht haben. Kein Wort dazu, dass es sich lediglich um statistische Daten handelt. Der gesamte Text klingt so, als sei es die tatsächliche Kriminalität.

Um seriös über das Thema zu diskutieren, muss man sich darüber bewusst sein, dass Kriminalität nun einmal in der Natur des Menschen liegt. An jedem Ort an dem sich Menschen aufhalten, wird es zwangsläufig zu Kriminalität kommen. Je mehr Menschen an einem Ort leben, desto stärker steigt auch die Kriminalität. Dabei steigt Kriminalität aber nicht gleichmäßig. Je größer, und anonymer, die Gruppe wird, desto stärker ist ein Anstieg zu registrieren.

Hinzu kommt, dass es wissenschaftlich fundierte Risikofaktoren für Kriminalität gibt. Die Hauptrisikofaktoren bilden dabei Alter und Geschlecht. Der männliche Heranwachsende hat ein zigfach höheres Risiko kriminell zu werden, als eine ältere Dame. Ein weiterer wichtiger Risikofaktor ist der soziale Status. Je niedriger der soziale Status, desto größer ist die allgemeine Kriminalitätsneigung. Herkunft und Religion spielen dagegen lediglich eine geringe Rolle und zumeist ist hier auch nur im Bereich Gewaltkriminalität tatsächlich ein signifikanter Unterschied zu messen. Festzustellen ist daher, dass vor allem Flüchtlinge tatsächlich ein hohes Risiko für kriminelles Verhalten in sich tragen.

Vor diesem Hintergrund ist es somit nicht verwunderlich, dass mit der Aufnahme von Flüchtlingen auch die Kriminalität steigt. Es ist viel mehr ein zu erwartender Umstand, da die meisten Flüchtlinge jung, männlich und einen geringen sozialen Status haben. Hier muss sich auch die Politik den Schuh anziehen lassen. Die Politik versucht der Bevölkerung einzureden, dass keine „Gefahr“ von Flüchtlingen ausgeht. Das ist nicht nur quatsch, sondern auch völlig kontraproduktiv um Akzeptanz für Flüchtlinge zu erzeugen. Ehrlicher wäre es der Bevölkerung zu sagen, wenn wir eine Million Flüchtlinge aufnehmen, dann erwarten wir dadurch auch eine Steigerung der Kriminalität. Diese nehmen wir aber in Kauf, da die Gewährung von Asyl uns wichtiger erscheint. Als Konsequenz muss man dann natürlich auch, wie es aktuell Bayern auch tatsächlich macht, die Strafverfolgungsbehörden besser ausstatten und auch präventiv tätig werden.

II.
Warum die Zahlen der Polizei für die Messung von Kriminalität ungeeignet sind

Hier kann man sich den Mund fusselig reden. Selbst gestandenen Juristen fällt es immer wieder schwer zu verstehen, was für Zahlen es sind, weswegen sie erhoben werden und wo ihre Aussagekraft endet.

Wir haben in Deutschland vier amtliche Kriminalitätsstatistiken. Für die vermeintliche Messung von Kriminalität werden regelmäßig die Zahlen der Polizei, die PKS (Polizeiliche Kriminalstatistik), herangezogen. Die PKS wird aber nicht erhoben, um Kriminalität zu messen, sondern dient dazu die Belastung der Polizei festzustellen. Regelmäßig werden diese Daten aber zweckentfremdet, um vermeintlich gewollte Ergebnisse zu belegen. Nicht nur um die Kriminalität von Flüchtlingen zu belegen, sondern auch um beispielsweise einen mutmaßlichen Anstieg rechter Gewalt darzustellen. Die Statistik wird damit in beiden Richtungen für den jeweiligen Zweck missbraucht.

Warum sind die Daten also ungeeignet? Als erstes stellt die PKS schon gar keine Straftaten da, sondern lediglich Verdachtsfälle von Straftaten. Dabei wird das Ganze dadurch noch weiter verschärft, dass die Statistik als Ausgangsstatistik geführt wird. Dies bedeutet, dass die Daten so in die Statistik eingehen, wie sie den Bereich der Polizei verlassen. Das ist ein Moment, in dem regelmäßig noch kein Jurist die Tat eingeordnet hat. Gibt die Polizei somit einen Mordfall als ausermittelt an die Staatsanwaltschaft ab und wird später lediglich wegen Totschlags verurteilt, so bleibt in der Statistik der Mord stehen. Eine Korrektur findet nicht statt. Auch bei Freisprüchen, bleibt die „Straftat“ in der Statistik stehen.

Ein einfaches Beispiel zeigt, wie stark dadurch die Zahlen verfälscht werden: Wenn zehn Personen bei der Polizei fälschlicherweise ihre Nachbarn wegen Herbeiführen einer Explosion durch Kernenergie (§ 307 StGB) anzeigen und die Polizei es so an die Staatsanwaltschaft abgibt, taucht die Straftat tatsächlich zehnmal in der Statistik auf. Eine tatsächliche Zündung einer Atombombe gab es aber dadurch natürlich in Deutschland nicht.

Noch stärker wirkt der Effekt aber selbstverständlich in die andere Richtung: Die polizeiliche Statistik beinhaltet natürlich nur Taten, die der Polizei bekanntgeworden sind. Der größte Teil der Kriminalität findet aber selbstverständlich im Dunkelfeld statt.

III.
Ladendiebstahl hat eine Aufklärungsquote von 92%

Gut zu zeigen ist dieser Effekt am Ladendiebstahl. Die Aufklärungsquote des Ladendiebstahls betrug in den Jahren 2013 und 2014 jeweils 92%. Das heißt laut Statistik werden mehr als 9 von 10 Ladendieben erwischt. Aufgeklärt gilt eine Tat für die Polizei übrigens dann, wenn sie einen Tatverdächtigen bennenen können. Ob die Person später tatsächlich verurteilt wird oder nicht, ist völlig unerheblich.

Man muss keine aufwendige Dunkelfeldstudie betreiben, um zu wissen, dass die tatsächliche Aufklärungsquote beim Ladendiebstahl sicherlich keine 92% beträgt. Die hohe Zahl kommt dadurch zustande, dass eine Anzeige wegen Ladendiebstahls ausschließlich dann getätigt wird, wenn die Person auf frischer Tat erwischt wurde. Von den restlichen Taten erfährt die Polizei gar nichts.

Diesem Effekt ist sich auch die Polizei bewusst und nutzt ihn zum Teil sogar gezielt aus. Muss die Aufklärungsquote erhöht werden, führt die Polizei verstärkt Razzien durch. Es werden beispielsweise Polizisten in das stadtbekannte Drogenviertel geschickt. Die Aufklärungsquote beträgt hier tatsächlich dann 100%, denn immer wenn die Polizei eine Anzeige fertigt, hat sie auch gleichen ihren Tatverdächtigen. Die Sicherheit für den Bürger wurde dadurch natürlich nicht erhöht.

IV.
Schwankungen in der Statistik sagen wenig über tatsächliche Kriminalität

Bei all diesem könnte man aber natürlich auf die Idee kommen, dass die Statistik zumindest eine „Tendenz“ zeigen kann. Steigt die Zahl der erwischten Ladendiebe, könnte man möglicherweise davon ausgehen, dass auch mehr Taten unentdeckt blieben. Diese Annahme funktioniert aber nur solange, wie tatsächlich die Umstände des Bekanntwerdens von Straftaten gleich bleibt.

Das Drogenbeispiel von eben zeigt, dass dies aber nicht der Fall sein muss. Es werden natürlich nicht mehr Drogen konsumiert wenn die Polizei stärker kontrolliert oder gar im Gegenteil es werden nicht weniger Drogen konsumiert, wenn die Polizei nicht mehr kontrolliert. Im letzten Fall, erfährt die Polizei es einfach nicht mehr. Würde die Taktik aufgehen, dass Kriminalität sinkt, wenn sie in der Statistik sinkt, dann müsste man vor der Kriminalität nur noch die Augen verschließen. So einfach funktioniert es dann aber doch nicht.

Einen entscheidenden Faktor spielt zusätzlich die Sensibilisierung der Bevölkerung und das jeweilige Anzeigeverhalten. Als Beispiel können hier sogenannte rechte „Hass-Posts“ auf Facebook dienen. Es werden immer mehr solcher Posts der Polizei gemeldet. Dies liegt nicht zwingend daran, dass diese Posts häufiger geworden sind (wobei es natürlich auch der Fall sein kann). Es könnte auch einfach darauf zurückgeführt werden, dass die Medien die Bevölkerung dazu aufgerufen haben, diese Posts häufiger zur Anzeige zu bringen.

Zum Abschluss gibt es noch eine lustige Anekdote aus Hannover zum Thema. Ein Blick in die hannoveranische Kriminalitätsstatistik um das Jahr 2000 Jahre zeigt eine beeindruckende Entwicklung beim Thema „Schwarzfahren“. Die stabilen Zahlen der Schwarzfahrer in Hannover  (rund 500 pro 100.000 Einwohner) stiegen Mitte der 90er stark an. Im Jahr 1999 fielen die Zahlen dann jedoch so stark ab, dass fast keine Schwarzfahrer mehr in der Statistiken vorhanden waren (unter 250 pro 100.000 Einwohner). Ab dem Jahr 2000 stieg die Zahl dann wieder massiv an und übertraf die Spitzenwerte der 90er-Jahre um ein vielfaches (1.700 pro 100.000 Einwohner)

Waren die Hannoveraner während der Jahrtausendwende alle ehrlicher geworden? Wurde aufgrund der EXPO 2000 nicht mehr kontrolliert? Die Erklärung war viel einfacher. Der Verkehrsverbund stellte Mitte der 90er ihr System zum fertigen von Strafanzeigen auf Computertechnik um. Die Automatisierung sorgte dafür, dass deutlich mehr Anzeigen gefertigt werden konnten. Im Jahr 1999 ging dann jedoch die Technik kaputt und es dauerte bis 2000, um es wieder zum Laufen zu bekommen. 1999 wurden daher nur noch ausnahmsweise per Hand Strafanzeigen erstattet. Erst als dann wieder die Computer funktionierten, wurde wieder automatisiert Strafanzeige erstattet und gleich noch die Altfälle aus dem Jahr zuvor zur Anzeige gebracht. Die tatsächliche Zahl der Schwarzfahrer blieb in all den Jahren vermutlich konstant.

V.
Sind die Statistiken also unnütz?

Nein! Man muss nur dessen begrenzte Aussagekraft berücksichtigen. Die PKS zeigt die Belastung der Polizei an und kann vor allem dazu dienen die Personaldecke der Polizei zu beobachten und anzupassen. Eine Aussage über die tatsächliche Kriminalität kann die Statistik aber nicht liefern. Dies können nur Dunkelfeldstudien und auch diese nur sehr begrenzt. Man wird es niemals schaffen die tatsächliche Kriminalität komplett in Zahlen zu fassen.

Egal ob mit den Zahlen ein Anstieg von rechter Gewalt oder von Straftaten durch Flüchtlinge belegt werden soll. Es gilt: Dies ist anhand der Statistik nicht möglich. Es kann tatsächlich eine Steigerung der Kriminalität geben, dies ist sogar zu erwarten, jedoch ist die Statistik dazu keine Messlatte.

Oder um es noch deutlicher zu sagen: Die Messung der Kriminalität mit der PKS entspricht in etwa dem Versuch die Temperatur per Barometer zu ermitteln.

1 Comment

  1. Shinso

    29. Oktober 2015 - 23:06
    Reply

    Den Beitrag sollte man per Rundmail an Pegida schicken. Es ist ja tatsächlich ein stark vertretenes Argument, dass uns Flüchtlinge Kriminalität bringen und die Argumente werden dann mit eben diesen Statistiken belegt, von den Fakeberichten von Überfällen mal abgesehen. Die Kriminalität wird durch Flüchtlinge auch ansteigen (was bei vielen Männern aus Kriegsgebieten mit unterschiedlichen ethnischen Hintergründen, die für sich schon für Konfliktpotential sorgen, nicht verwunderlich ist). Tatsächlich muss ich hier in Dresden aber nicht um mein Leben oder Hab und Gut fürchten ^^

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