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Silvesternacht in Köln – Teil 1: Frau Reker hat Recht – Eine Armlänge Abstand kann schützen

Bis zum heutigen Tag ist noch nicht ganz klar was sich in der Silvesternacht am Hauptbahnhof Köln und wohl auch auf der Hamburger Reeperbahn abgespielt hat. Juristisch und Kriminologisch ist das Thema aber extrem spannend. Dabei ist es aber auch so umfangreich, dass es in mehreren Teilen behandelt werden soll. Im ersten Teil geht es primär um die Aussage von Frau Reker zur Prävention.

I.
Sehr unklares Lagebild

Momentan stellt sich die Situation wohl so dar, dass mehrere Personen aus dem arabischen oder nordafrikanischen Raum andere Personen, überwiegend Frauen, bedrängt haben sollen. Dies sollte wohl primär der Erbeutung von Handys und Portmonees dienen. Zusätzlich soll es zu „sexuellen Belästigungen“ gekommen sein. Alle weiteren Informationen sind dagegen eher uneindeutig. Die hamburgische Polizei spricht von sehr widersprüchlichen Aussagen der Geschädigten. Die Boulevard-Medien zeichnen aber offensichtlich vorsätzlich ein völlig überzogenes Bild. Die öffentlich-rechtlichen Medien sind dagegen auffällig zurückhaltend.

Man darf sich von den reißerischen Beiträgen aber nicht täuschen lassen. Gesprochen wird von „80 Anzeigen nach Sex-Überfall in Köln“ und ganz aktuell „Hunderte Täter, 118 Anzeigen und keine Tatverdächtigen“. Dabei darf man sich nicht in die Irre führen lassen. Die Anzahl der Anzeigen beziehen sich auf alle Diebstahldelikte. Eine sexuelle Belästigung wurde wohl nur in rund einem Viertel der Fälle zur Anzeige gebracht. Für Köln also in etwa 20 Fällen.

In Hamburg kommt ein weiterer Umstand hinzu. Bis zum 5. Januar sprach die Polizei in Hamburg von lediglich sechs Delikten auf der Reeperbahn. Das ist eine Anzeigehäufigkeit, die weder für die Reeperbahn noch für die Silvesternacht tatsächlich untypisch wäre. Erst nachdem die Polizei alle Opfer gezielt aufforderte sich bei der Polizei zu melden, stieg die Zahl der Strafanzeigen auf 30 Fälle. Hier darf man natürlich nicht den Fehler machen, diese Zahlen mit anderen Wochenenden oder Vorjahren zu vergleichen. Durch die Aufforderung sich zu melden, hat die Polizei diesmal das Dunkelfeld viel stärker aufgehellt. Es kommt zum Beispiel regelmäßig vor, dass Personen betrunken auf dem Kiez das Handy gestohlen wird. Die wenigsten dieser Personen erstatten anschließend Strafanzeige bei der Polizei. Nun werden sich aber deutlich mehr Personen gemeldet haben.

Auch kommt ein weiterer Effekt bei den Anzeigeerstattern hinzu, den man nicht unterschätzen darf. Durch die massive Präsenz in den Medien sind die Personen stark sensibilisiert worden. Ich sah heute im Fernsehen eine junge Frau, die schockiert davon berichtet, dass sie in der Silvesternacht von einem Fremden „umarmt und in die Luft gehoben wurde“. Es tut mir leid. Aber weder ist hier eine strafbare Handlung zu erkennen, erst recht kein Sexualdelikt, noch scheint es ein völlig unübliches Verhalten in einer Silvesternacht zu sein. Ob das nun zur guten Kinderstube gehört eine fremde Frau zu umarmen, sei nun mal dahingestellt. Aber auch solche Geschichten werden nun in die Diskussion eingebracht. Dies ist übrigens eine generelle Gefahr bei Sexualstraftaten, es werden absolute Bagatellen in einem Topf mit schweren Delikten geworfen. Dies führt zur Gefahr, dass auch massivste Delikte, wie zum Beispiel eine Vergewaltigung, nur als „eine von 80 Fällen von Sexualstraftaten“ erfasst werden. Man muss hier aufpassen, dass man nicht jedes Sexualdelikt zu einem Kapitalverbrechen künstlich hochstilisiert. Damit raubt man nämlich unfreiwillig der tatsächlichen Vergewaltigung ihren absoluten Ausnahmecharakter, der auch die sehr hohe Strafandrohung rechtfertigt.

Man darf sich daher von der massiven medialen Berichterstattung nicht täuschen lassen. Neu und problematisch ist in Köln und Hamburg nicht alleine die Quantität der Straftaten. Was die Leute viel mehr beunruhigt ist die Art und Weise. Es wurde offen in einer großen Menge auf zufällige Opfer diese Angriffe ausgeübt. Es strahlt die Gefahr aus „es kann jeden treffen“. Das ist was die Leute so beunruhigt und was das eigentliche Problem ist.

Das einfache Sexualdelikt kann jeder leicht verdrängen. Geht ein junges Mädchen mit drei fremden Männern nach dem Discoabend in deren Wohnung, dann ist das zwar eine Straftat „aber mir kann sowas ja nicht passieren, sowas mache ich ja nicht“. Dieses Verdrängen ist vermutlich sogar eine gesunde Einstellung, denn nur so funktioniert überhaupt ein angstfreies Zusammenleben. Trotzdem entlarvt sich der Mob dann, wenn er sich nun auf die Kölner Oberbürgermeisterin einschießt.

II.
Frau Reker hat Recht – Eine Armlänge Abstand kann schützen

Tatverdächtige konnte man bisher nicht ermitteln. Obwohl die Bild von „hunderten Tätern“ spricht, ist dies reine Spekulation. Nur weil es über 100 Strafanzeigen gibt, heißt es nicht, dass es auch über 100 Täter gibt. Schon hier wird unnötig Angst geschürt. Die Aussagen der Geschädigten schwanken massiv und liegen zum Teil bei weit unter 50 Tätern.

Die Taschendiebe, die mehrere Tage später festgenommen wurde, wurden zwar von den Medien schon als mutmaßliche Tatverdächtige bezeichnet, scheinen aber mit der Silvesternacht nichts zu tun zu haben.

Da aber bei jedem Vorfall jemand öffentlichkeitswirksam aufgeknüpft werden muss, schießt man sich nun auf die Kölner Polizei und der Kölner Oberbürgermeisterin Reker ein. Die Arbeit der Polizei Köln und der Bundespolizei kann ich nicht beurteilen.

Zumindest die Kritik an Frau Reker ist jedoch völlig unangebracht. Frau Reker betonte, dass sie Prävention für wichtiger hält, als die reine Strafverfolgung. Es geht nämlich darum Straftaten zu verhindern und nicht möglichst viele Straftäter zu bestrafen. Damit hat die Oberbürgermeisterin Recht. Das Strafrecht besteht ja nicht seiner selbst wegen, sondern um Opfer zu schützen. Kriminalpolitik ist nicht dann erfolgreich wenn man viele Täter geschnappt hat, sondern wenn man viele Taten verhindert hat. Dies wird leider häufig verwechselt.

Anschließend riet Frau Reker jungen Frauen „immer eine Armlänge Abstand zu Fremden zu halten“. Dafür kassierte sie, sowohl in den sozialen Medien als auch in den klassischen Medien, einen massiven Shitstorm. Ihr wird mehr oder weniger „Victim Blaming“ vorgeworfen. Sie soll dadurch den Opfern eine „Mitschuld“ an der Tat geben.

Man muss hier sehr vorsichtig sein. Die meisten Fälle von Kriminalität hat immer ein Verhalten eines Opfers als Bestandteil. Kriminalität entsteht, wenn es einen Tatgeneigten, eine Tatgelegenheit und keine schutzbereiten Dritte gibt. Durch Prävention kann jeder Person tatsächlich das Risiko Opfer zu werden verringern. Das bedeutet nicht automatisch im Umkehrschluss, dass Personen die weniger Prävention betreiben, automatisch eine „vorwerfbare Schuld“ haben.

Der Vorwurf an Frau Reker ist daher einfach unfair und kommt wohl eher daher, dass man nun irgendeinen „Schuldigen“ braucht. Prävention kennt verschiedene Stufen. Die primäre Prävention setzt ein, bevor es überhaupt zu einer konkreten Gefahr kommt. Dazu gehört schon immer hauptsächlich ein Verhalten des Opfers. Das einfachste und häufigste Präventionsmittel ist das Fahrradschloss, mit dem man sein Rad anschließt. Auch das Abschließen der Wohnungstür zählt zu diesen Präventionsmitteln. Es reduziert die Anzahl der Fahrraddiebstähle und der Wohnungseinbrüche.

Genauso sind es sinnvolle Präventionsmittel nicht bei fremden Leuten in das Auto zu steigen. Seit Jahrzehnten wird dies jungen Töchtern von ihren Eltern eingetrichtert und nun soll das auf einmal ein Problem sein? Es geht bei der Frage nicht darum, wer im Falle einer Straftat die „Schuld“ hat oder nicht. Es geht einfach darum die Tatgelegenheiten zu minimieren. Natürlich darf man sein Rad unabgeschlossen abstellen und natürlich darf man per Anhalter durch die Republik reisen, das Risiko Opfer einer Straftat zu werden steigt dadurch jedoch. Diese Aussage kann man ganz ohne Wertung treffen.

III.
Ist die Armlänge ein effektives Präventionsmittel?

Ebenfalls wird die Empfehlung von Frau Reker als völlig untauglich bezeichnet. In der Regel wird dies begründet mit „Alltags-Hypothesen“. Man kann sich einfach nicht vorstellen, dass dies ein effektives Mittel sei. Tatsächlich ist es vermutlich das wirksamste Mittel um sich vor solchen Übergriffen zu schützen.

Die Leute unterschätzen das Merkmal „Tatgelegenheit“. Der Taschendiebstahl ist das perfekte Beispiel. Wenn der Taschendieb eine Person entdeckt, die konsequent darauf achtet einen gewissen Abstand um sich zu haben, dann weiß er, dass er es bei dem Opfer schwer haben wird. Er wird sich dann gegebenenfalls vom Opfer abwenden und ein neues Ziel suchen. Dies verlagert nicht nur die Straftat auf ein neues Ziel, sondern senkt auch in absoluten Zahlen die Straftaten, da der Täter am untauglichen Opfer Zeit verloren hat und so insgesamt weniger Straftaten begehen kann. Auch bei sexuellen Grenzüberschreitungen kann eine Person, die versucht Abstand zu halten, einen Täter tatsächlich abschrecken.

Bei einer Situation wie in Köln oder in Hamburg kann das aber natürlich sehr schwer sein. Ist man einmal in diesem Pulk, ist es kaum mehr möglich. Dies macht das Präventionsmittel aber nicht per se untauglich. In den meisten Situationen ist es möglich Abstand zu halten. Im Zweifel heißt es, dass man größere Gruppen meiden sollte. In Hamburg berichteten Geschädigte, dass sie von Türstehern gewarnt wurden: „geht jetzt nicht raus, wartet noch, die Stimmung ist sehr aggressiv. Es ist die Hölle“. In diesen Situationen kann es einfach sinnvoll sein tatsächlich noch einmal eine halbe Stunde abzuwarten und sich nicht in die Menge zu begeben. Das hat weder etwas mit „Feige“ zu tun, noch damit, dass ich groß an „Freiheiten“ verliere. Es gibt nun einmal die Gefahr ein Opfer von Straftaten zu werden. Genauso wie man bei Gewitter nicht schwimmen sollte, sollte man sich nicht in einen aggressiven Pulk werfen.

Selbst bei einem gezielten Angriffsplan, kann übrigens der Abstand helfen. Das Überwinden von 10 bis 15cm in die Intimsphäre einer Person kostet dem Täter deutlich mehr Energie, als wenn er bereits direkt neben einer Person steht und diese einfach nur berühren muss. Bereits die laute Ansprache eines potentiellen Täters kann dazu führen, dass der Täter von seiner Tat ablässt. In Präventionskursen wird den Teilnehmer regelmäßig beigebracht einen herannahenden Täter mit einem lauten „Stopp“ und dem ausgestreckten Arm zu begegnen. Auch wenn es der gemeine Bürger nicht glauben mag, dies kann tatsächlich ein effektives Mittel sein. Frau Rekers Vorschlag als absolut untauglich und unpassend zu bezeichnen, zeigt eigentlich nur, dass man von Prävention keinerlei Ahnung hat.

Frau Reker wird daher in dieser Frage tatsächlich Unrecht getan.

Im zweiten Teil wird es um die Strafbarkeit der Handlungen gehen und der Frage, ob es tatsächlich ein strafrechtliches und nicht viel mehr ein gesellschaftliches Problem ist.

Bild ©: FotoHiero / pixelio.de

4 Comments

  1. Pyrdakor

    8. Januar 2016 - 14:20
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    Interessante Sicht der Angelegenheit. Aber wie beurteilst du es dann, wenn man z.b. vor Weihnachten einkaufen muss? Dazu muss man sich häufig durch Menschenmassen bewegen, wo es öfters mal nötig ist sich mit Ellbogenstößen Platz zu verschaffen um überhaupt vorwärts zu kommen. In solchen Situationen ist es recht leicht sein Nebenmann zu berühren sogar ohne das es beabsichtigt war.

    • Mathias Schult

      8. Januar 2016 - 17:50
      Reply

      Man darf den Ratschlag halt nicht dahingehend missverstehen, dass dies immer in seiner Absolutheit möglich ist. Auch hilft dieser Ratschlag natürlich nicht immer.

      In der Regel sind größere Menschenmassen aber ja tatsächlich zu vermeiden. Die meisten Menschen meiden diese ja schon aus anderen Gründen. Sollte es tatsächlich einmal nicht möglich sein, dann kann man diesen Ratschlag natürlich nicht umsetzen.

      Man darf „Verhaltenstipps zur Prävention“ halt nicht dahingehend missdeuten, dass deswegen das Verhalten der Täter besser ist oder die Taten dann nicht mehr verfolgt werden. Um es wieder auf das Fahrrad zu übertragen: Nur weil ich jedem rate sein Fahrrad immer abzuschließen, heißt es nicht, dass ein Täter das Rad stehlen darf oder der Dieb nicht mehr verfolgt wird, wenn jemand sein Rad nicht anschließt.

  2. a1Do255

    12. Januar 2016 - 18:58
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    „hochsterilisiert“ – ein Freudscher Verschreiber? 😀 Oder hat dir da MS Word dazwischengefunkt? Du meintest wohl das Wort „hochstilisiert“.

    • Mathias Schult

      12. Januar 2016 - 22:23
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      Lustigerweise streicht Word tatsächlich „hochsterilisiert“ nicht als Fehler an…

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