Ingerenz

Your Turn #1: Ein verliebter Killer

Das Strafrecht: In keinem anderen Rechtsgebiet hat der Laie eine so genaue Vorstellung von „Recht und Unrecht“ wie hier. Regelmäßig werde ich daher hier kleine Fälle präsentieren , die die persönliche Jurisprudenz herausfordern. Es geht dabei nicht darum, die rechtliche „richtige“ Lösung zu finden, sondern sich Gedanken darüber zu machen, wie man das Dilemma wohl selbst lösen würde. Bei meinem Lösungsvorschlag verzichte ich bewusst auf weitschweifende wissenschaftliche Ausführungen und beschränke mich auf die herrschende Meinung und/oder Rechtsprechung. Und jetzt wünsche ich viel Spaß

I.
Der Sachverhalt

Karl Killer (K) ist ein großer Waffennarr und Verehrer von Dolly Chic (D). D trifft sich jedoch lieber mit Richard Reich (R). Da K diese Ungerechtigkeit auf der Welt nicht mehr ertragen mag, entschließt er sich beim nächsten Treffen der Beiden ebenfalls anwesend zu sein. Gemeinsam mit seinem Lieblingsgewehr legt er sich wie geplant auf die Lauer.

Als es R wagt den Versuch zu unternehmen D zu küssen, schießt K, den Tränen nahe, Richtung K. Aufgrund des verweinten Blicks verfehlter K jedoch. Auch die weiteren neun Schüsse verfehlen ihr Ziel. Bevor er jedoch die letzte Kugel auf K abschießen kann, sieht er Elli Chic (E), die Schwester von D, und verliebt sich umgehend. Er packt seine Sachen und beschließt ein passendes Geschenk für E zu besorgen. Während er den Juwelier überfällt, wird er von der Polizei festgenommen.

Hat K sich wegen eines versuchten Tötungsdeliktes zu Lasten R strafbar gemacht?

II.
Vorüberlegung

Na, was sagt der Bauch? Geht der Daumen hoch oder Runter? Die erste Reaktion wird vermutlich sein, dass niemand einfach so auf jemanden schießen darf. Es hing nur vom Glück (oder Pech) ab, dass R nicht getroffen wurde. K kann doch nicht von seinem Ungeschick profitieren.

Denkt man jedoch etwas länger drüber nach, so können doch einige rechtspolitische Gründe für eine Straffreiheit des K sprechen. Wenn K sich eh schon wegen versuchten Mordes verantworten müsste, was sollte ihn dann motivieren von der Tat noch Abstand zu nehmen? Es besteht die Gefahr, dass der Täter meint, da er nun schon angefangen habe, müsse er die Tat auch zu Ende führen. Ein Verzicht auf Strafe könnte daher dem Opferschutz dienen.

III.
Lösungsvorschlag

Der Gesetzgeber hat sich hier eindeutig positioniert und dem Opferschutz den Vorrang gewährt. In § 24 Abs. 1 StGB hat er den Rücktritt vom Versuch normiert:

Wegen Versuchs wird nicht bestraft, wer freiwillig die weitere Ausführung der Tat aufgibt oder deren Vollendung verhindert. Wird die Tat ohne Zutun des Zurücktretenden nicht vollendet, so wird er straflos, wenn er sich freiwillig und ernsthaft bemüht, die Vollendung zu verhindern.

Wichtig ist nur, dass der Täter noch meint, dass er sein Ziel erreichen könne. Hätte er zum Beispiel sein komplettes Magazin verschossen, wäre ein Rücktritt nicht mehr möglich. Solange er aber nach seiner Vorstellung noch das Ziel erreichen kann, ist der Rücktritt grundsätzlich möglich. Einzelfragen des Rücktrittshorizonts sind hier in der Rechtswissenschaft umstritten und sollen daher nicht weiter vertieft werden.

Auch muss der Rücktritt freiwillig erfolgen. Wäre K während des Schießens verhaftet worden, wäre ein straffreier Rücktritt selbstverständlich nicht erfolgt. Der Rücktritt muss jedoch nicht aus Reue, Mitleid oder anderen moralischen Gründen erfolgen. Es reicht aus, dass der Täter aus eigenem Antrieb die Tat aufgibt. Auch dieser Punkt ist jedoch nicht unumstritten und vor allem bei Einzelfragen kann dies zu komplizierten Fragen führen.

Was genau der Täter unternehmen muss, hängt davon ab, wie weit seiner Meinung nach die Tat schon vorangeschritten ist. Glaubt der Täter er habe alles nötige für den Erfolg (hier der Todeseintritt des R) getan, wird von einem beendeten Versuch gesprochen und er muss den Erfolg aktiv abwenden. Hätte er R also so getroffen, dass er mit seinem Tod gerechnet hätte, hätte er einen Notarzt rufen und gegebenenfalls erste Hilfe leisten müssen.

In unserem Fall liegt jedoch ein unbeendeter Versuch vor, da es für K ersichtlich war, dass R aufgrund des Fehlschusses nicht sterben wird. Hier reicht dann die Aufgabe der weiteren Tatausführung. So ist es von K geschehen.

Tatsächlich geht unser K daher straffrei bezüglich der Schüsse aus. Im Falle einer Verurteilung wäre wohl eine Verurteilung wegen versuchten Mordes erfolgt. In diesem Fall hätte K mit mindestens drei Jahren Freiheitsstrafe rechnen müssen. Als Höchststrafe hätte lebenslange Freiheitsstrafe, auch für den Versuch, verhängt werden können.

Ein Ergebnis, welches den Laien im ersten Moment überrascht. Je mehr man jedoch den Opferschutz betrachtet, desto mehr wird es eine akzeptable Lösung. Konkret verzichtet also der Staat zu Gunsten des Opferschutzes auf seinen Strafanspruch.

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