Ingerenz

Your Turn #4: Schäferstündchen in der vermeintlich fremden Wohnung

Das Strafrecht: In keinem anderen Rechtsgebiet hat der Laie eine so genaue Vorstellung von „Recht und Unrecht“ wie hier. Regelmäßig werde ich daher hier kleine Fälle präsentieren , die die persönliche Jurisprudenz herausfordern. Es geht dabei nicht darum, die rechtliche „richtige“ Lösung zu finden, sondern sich Gedanken darüber zu machen, wie man das Dilemma wohl selbst lösen würde. Bei meinem Lösungsvorschlag verzichte ich bewusst auf weitschweifende wissenschaftliche Ausführungen und beschränke mich auf die herrschende Meinung und/oder Rechtsprechung. Und jetzt wünsche ich viel Spaß!

I.
Der Sachverhalt

Inspiriert ist der Sachverhalt diesmal von „Blaulichtreport“ auf SAT1. Der Drehbuchautor hat wirkliche all Register gezogen, um einen spannenden Kriminalfall zu bilden. Um ihn etwas umfangreicher zu machen, habe ich ihn leicht abgewandelt:

Karl Killer (K) wohnt, nach seinem letzten Gefängnisaufenthalt, wieder bei seiner Mutter Karo Killer. Seine ehemalige Freundin Elli Chic hat sich während des Haftaufenthalts von ihm getrennt. So genießt K das Leben als Single. Er hat dabei eine ganz besondere Masche entwickelt. Nachdem er rausgefunden hat, dass Frauen auf BadBoys stehen, täuscht er seinen Discobekanntschaften vor, dass er in eine fremde Wohnung einbrechen würde. Dort könne man dann ein Schäferstündchen halten und einen Gegenstand als Andenken mitnehmen. Auch in dieser Nacht war K erfolgreich und fuhr mit Fiona Flittchen (F) zur Wohnung seiner Mutter. Er erklärt der F, dass sie Schmiere stehen soll, während er das Schloss knackt. Er geht zur Tür und öffnet die Wohnung heimlich mit seinem Schlüssel. F folgt dem K. In der Wohnung zeigt K auf eine alte Vase, die er sowieso entsorgen wollte, und sagt zu F, sie solle diese einstecken. Von der Heldentat des K überwältigt, fällt F, nachdem sie die Vase verstaut hat, über K her. Karo Killer kam diesmal aber früher von ihrem Pokerabend zurück und hielt K und F für Einbrecher. Sie rief die Polizei. Die Polizei erwischt K und F in flagranti. Strafbarkeit von K und F?

II.
Vorüberlegung

In Betracht kommt Hausfriedensbruch und Einbruchsdiebstahl. Zu trennen ist hier zwischen K und F. K betritt die Wohnung mit der Erlaubnis seiner Mutter. Er hat ebenfalls die Erlaubnis fremde Personen mitzubringen. Auch ist er Eigentümer der Vase. Eine Strafbarkeit scheint hier daher fernliegend zu sein, da man weder in seine eigene Wohnung einbrechen noch eigene Gestände stehlen kann. Für ganz Kreative wäre noch denkbar einen Betrug zu Lasten von F anzunehmen, da K die F über den Einbruch täuscht, um sie so ins Bett zu bekommen. Der Betrug schützt jedoch nur das Vermögen.

Bei F ist die Frage der Strafbarkeit komplizierter. Immerhin denkt sie die gesamte Zeit, dass sie tatsächlich einen Wohnungseinbruch begeht. Sie weiß weder, dass der K dort wohnt, noch dass es seine Vase ist. Dies könnte ein Problem sein.

III.
Lösungsvorschlag

Hinsichtlich K haben wir das meiste schon gesagt. Weder kann man einen Hausfriedensbruch in seiner eigenen Wohnung vollenden, noch kann man einen Diebstahl an einer Sache, die einem selbst gehört, begehen. K hat sich daher nicht strafbar gemacht.

Ein vollendeter Hausfriedensbruch bei F ist ausgeschlossen, da F von K die Erlaubnis hatte die Wohnung zu betreten. Dass sie davon nichts wusste, ist für die vollendete Tat irrelevant. Auch ein vollendeter Wohnungseinbruchsdiebstahl ist nicht gegeben. K war, als Eigentümer der Vase, mit der Wegnahme einverstanden. F hat somit keine Sache gegen den Willen des Berechtigten weggenommen.

Da F aber die gesamte Zeit über dachte, dass sie sich strafbar machen würde, kommen Versuchsstrafbarkeiten in Betracht. Einen versuchten Hausfriedensbruch gibt es nicht. Jedoch gibt es den versuchten Diebstahl. Der Versuch liegt nämlich nicht nur dann vor, wenn man sein Ziel aufgrund eigenen Unvermögens nicht erreicht hat (zum Beispiel wenn der Schütze sein Ziel v erfehlt), sondern auch wenn das Ziel von Anfang an nicht erreichbar war (der Schütze denkt es sei ein Mensch, schießt aber tatsächlich nur auf eine Regentonne). Letzteres ist auch hier der Fall. F konnte keinen Diebstahl vollendeten, da sie die Erlaubnis von K zur Wegnahme hatte. Da sie es aber nicht wusste, hat sie es trotzdem versucht. Da sie sich auch als Mittäterin von K hinsichtlich des Einbruches sah, kann ihr, zumindest nach ständiger Rechtsprechung, auch der versuchte Wohnungseinbruch als Regelbeispiel angerechnet werden. F hat sich somit wegen versuchten Wohnungseinbruchs strafbar gemacht.

Es droht eine Freiheitsstrafe von sechs Monaten bis zu zehn Jahren. Würde man hier einen minder schweren Fall annehmen (was sicherlich möglich wäre), wären es drei Monate bis zu fünf Jahren Freiheitsstrafe. Der Versuch kann milder bestraft werden. In diesem Fall wäre der Strafrahmen ein Monat bis zu drei Jahren und neun Monaten (Wird kein minder schwerer Fall angenommen, wäre der Strafrahmen ein Monat bis zu sieben Jahren und sechs Monaten).

Ein vermutlich überraschendes Ergebnis. Dies kommt aber primär dadurch zustanden, dass jeder für seine eigene Schuld einzustehen hat. Der K wollte nie eine Straftat begehen. Er wollte auch nie, dass F eine Straftat vollendet (er wusste ja, dass sie nie vollendet werden konnte). Daher gehört er nicht bestraft. Bei F sieht es dagegen anders aus. Sie war fest davon überzeugt, dass sie etwas strafbares unternimmt. Zwar hatte ihr Handeln kein Erfolg und war von Anfang an untauglich, jedoch hat sie trotzdem Handlungsunwert geschaffen. Aus diesem Grund wird sie für den Versuch dieser Straftat bestraft.

Ein gerechtes Ergebnis?

3 Comments

  1. qqK

    5. Januar 2016 - 22:19
    Reply

    Gibts für K keine Beihilfe zum Versuch oder so?

    • Mathias Schult

      6. Januar 2016 - 12:31
      Reply

      Gute Idee. Anstiftung und Beihilfe ist aber nur gegeben, wenn sich der Vorsatz auf die Vollendung bezieht. K hätte also zumindest glauben müssen, dass F die Tat vollenden könnte. K wusste aber ja die gesamte Zeit, dass F nur im Versuch steckenbleiben kann. Daher keine Strafbarkeit.

  2. AresOfStark

    7. Januar 2016 - 12:11
    Reply

    Okay, meine Einschätzung wäre gewesen das keiner sich strafbar gemacht hätte.
    Sehr gute Fall Auswahl. 🙂

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