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Darf ich das? – 7 Verkehrsmythen auf dem Prüfstand

Es gibt kaum so viele Rechtsmythen wie im Straßenverkehr. Muss ich als Radfahrer bei einem Zebrastreifen absteigen? Darf ich als Mann einen Frauenparkplatz verwenden? In vielen Fällen ist an den Volksweisheiten zumindest ein Teil richtig, häufig basiert es jedoch auch auf ein Missverständnis der rechtlichen Grundlage. Daher kommen hier 7 häufige Mythen aus dem Straßenverkehr.

 

Auf Autobahnen ohne Geschwindigkeitsbegrenzung darf ich so schnell fahren wie ich will?

Deutschland ist eins der wenigen Ländern, in denen tatsächlich keine generelle Höchstgeschwindigkeiten auf Autobahnen gilt. Heißt das aber automatisch, dass ich so schnell fahren darf wie ich will?

Nein. § 3 StVO schreibt vor, dass nur so schnell gefahren werden darf, dass das Fahrzeug noch ständig beherrscht wird. Es kommt also maßgeblich auf die Umstände drauf an. Während auf einer gut ausgebauten leeren Autobahn tagsüber im Sommer 220km/h noch in Ordnung sein können, können bei einer winterlichen Nachtfahrt schon 130km/h zu viel sein.

Die Richtgeschwindigkeit liegt, wenn nichts anderes angeordnete ist, bei 130km/h. Ein Überschreiten hat straf- und ordnungswidrigkeitsrechtlich keine Konsequenzen. Im Falle eines unverschuldeten Unfalles trifft einem jedoch eine gewisse zivilrechtliche Mitschuld und der Schadensersatzanspruch kann gekürzt werden.

Darf ich auf der Autobahn die Lichthupe nutzen, wenn ich jemanden auf der linken Spur überholen möchte?

Egal was für einen Wagen man fährt, es gibt mindestens einen der ein noch schnelleres Gefährt vorantreibt. Dank der doch noch relativ häufigen unbeschränkten Geschwindigkeiten auf den deutschen Autobahnen, kann sich im Rückspiegel auch bei 180km/h und mehr noch ein Wagen nähern.

Darf dieser dann die Lichthupe verwenden? Grundsätzlich ist die Lichthupe ein Warnzeichen. Außerhalb geschlossener Ortschaften, und damit auch auf Autobahnen, darf gemäß § 16 StVO aber tatsächlich die Lichthupe zum Anzeigen des Überholens genutzt werden. Bemerkt das vorausfahrende Fahrzeug einen nicht, darf mit einmaliger Lichthupe auf sich aufmerksam gemacht werden. Der Gegenverkehr darf dadurch aber nicht geblendet werden.

Das häufige Gleichsetzen jeder Betätigung der Lichthupe mit einer Nötigung ist daher falsch. Verboten bleibt jedoch: Dichtes Auffahren oder das mehrfache Lichthupen beim Drängeln. In diesen Fällen besteht der Verdacht der Nötigung.

Ich muss als Radfahrer bei einem Zebrastreifen absteigen

Der wohl größte Mythos für Radfahrer ist das Verbot über einen Zebrastreifen zu fahren. Auch viele Radfahr- und Automobilclubs verbreiten regelmäßig das Gerücht, dass bei einem Zebrastreifen abgestiegen werden muss.

Dafür gibt es rechtlich keinerlei Grundlage. Selbstverständlich darf ein Radfahrer einen Zebrastreifen auf dem Rad überqueren. Lediglich genießt er in diesen Fällen nicht den Vorrang vor den Fahrzeugen. Das bedeutet: Steigt der Radfahrer ab, müssen die Fahrzeuge ihn wie einem Fußgänger Vorrang gewähren. Bleibt der Radfahrer dagegen auf seinem Rad, muss er warten, bis kein Auto mehr kommt.

Ein Verbot über Zebrastreifen zu fahren gibt es jedoch nicht.

Ein Radfahrer muss immer einen Radweg benutzen

Ein zweiter großer Mythos ist die Benutzungspflicht von Radwegen. Grundsätzlich schreibt die StVO nicht vor, dass ein Radweg zwingend genutzt werden muss. Vielmehr stellt ein Radweg lediglich eine weitere Option zur Verfügung. Der Radfahrer hat die Wahl zwischen Straße oder Radweg.

Muss ein Radweg zwingend genutzt werden, muss dies per Schild angeordnet werden. Dazu gibt es drei Zeichen (237, 240 und 241):

 

 

Steht solch ein Schild am Radweg muss der Radweg grundsätzlich benutzt werden. Dies gilt aber nur, wenn der Radweg die Straße begleitet (in der Regel nicht mehr als 5 Meter von der Straße entfernt ist), der Radweg benutzbar ist (er darf nicht durch Schnee oder Autos unbefahrbar sein) und die Benutzung auch zumutbar ist (ein massiv schlechter Zustand des Radweges, so dass selbst bei einer angepassten Geschwindigkeit die Nutzung nicht zumutbar ist).

Wenn es hinten Kracht gibt es vorne Geld – Oder: Wer Auffährt hat immer Schuld

Ein großer Mythos ist ebenfalls, dass der Auffahrende immer Schuld hat. Das mag in den meisten Fällen so sein, gilt in seiner Absolutheit so aber nicht. Vor allem wenn der Vordermann unbegründet Bremst, zum Beispiel für Kleintiere, kann er eine Teilschuld bekommen. Dies ist in der Praxis auch gar nicht so selten.

Zettel hinter der Windschutzscheibe schützt vor Abschleppen

Wird ein Wagen wild geparkt gibt es grundsätzlich einen Strafzettel. Steht der Wagen so im Weg, dass er eine Behinderung oder gar Gefährdung darstellt, kann er abgeschleppt werden. Viele Leute packen einen Zettel mit  der Handynummer und einen Hinweis „komme sofort“ hinter die Windschutzscheibe und wollen so einem Abschleppen entgehen.

Tatsächlich gibt es umfangreiche Rechtsprechung zu diesem Thema. Solch ein Zettel stellt in der Regel ein geeignetes milderes Mittel zum Abschleppen dar, da es primär um das Entfernen des Fahrzeuges geht. Jedoch muss sich die Polizei nicht auf einen ungewissen Erfolg einlassen. Aus dem Zettel muss daher hervorgehen, dass schnell der Wagen entfernt werden kann. Meist reicht ein allgemeiner Hinweis wie „komme sofort“ oder ähnliches nicht aus. Es muss sich um einen individuellen Zettel handeln der deutlich macht von wo jemand kommt und wie lange er in etwa bräuchte.

Darf ich als Mann einen Frauenparkplatz nutzen?

Grundsätzlich sind Mann und Frau in Deutschland gleichberechtigt. Eine Ausnahme bilden sogenannte Frauenparkplätze. Meist sind sie gut von weitem zu erkennen. Einerseits an einem Schild, das diesen Umstand deutlich macht, andererseits aber auch an den Vielzahl von Lackspuren an den umliegenden Wänden.

Was passiert aber wenn ein Mann diesen Frauenparkplatz nun nutzt? Die Straßenverkehrsordnung kennt den Frauenparkplatz nicht und es wäre auch kaum mit dem Diskriminierungsverbot aus dem Grundgesetz vereinbar. Daher findet man diese Beschränkung lediglich bei privaten Parkplätzen, wie zum Beispiel in einem Parkhaus. Hier darf der Betreiber tatsächlich entscheiden, wer wann und wie lange parken darf. Männern ist es also tatsächlich untersagt hier ihre Fahrzeuge abzustellen. Es droht ein kostenpflichtiges Umsetzen.

Bild ©: rudolf ortner / pixelio.de

3 Comments

  1. Tore

    November 21, 2015 - 7:12 pm
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    #Aufschrei
    „andererseits aber auch an den Vielzahl von Lackspuren an den umliegenden Wänden.“

    • Mathias Schult

      November 21, 2015 - 7:23 pm
      Reply

      Selbstverständlich von Männern verursacht die versehentlich reingefahren sind und dann schuldbewusst wieder raus!

  2. Chosi

    November 21, 2015 - 10:48 pm
    Reply

    großartige informationen, ich wüsste da noch einiges, was ich geklärt wissen wöllte – ich werde dies mal sammeln 🙂

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