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Lehrer muss sich wegen Nachsitzenlassen vor Gericht verantworten

Das „Nachsitzen“ in der Schule ist schon lange ein Streitthema zwischen Schülern, Eltern und Lehrern. Während Schüler darin gerne eine Freiheitsberaubung und einen Verstoß gegen jegliche Menschenrechtskonventionen sehen, scheren sich Lehrer häufig gar nicht um diese Frage. Dabei liegt die Wahrheit wie so immer irgendwo in der Mitte.

I.
Ist Nachsitzen erlaubt?

Das eigentliche „Nachsitzen“ als reine „Strafe“ ist bundesweit untersagt. Darin wird regelmäßig ein entwürdigendes Ordnungsmittel gesehen. Einige Schulgesetze der Länder kennen jedoch tatsächlich eine ähnliche Form des „Nachsitzens“. So heißt es zum Beispiel in § 53 II NRWSchulG „Nacharbeiten unter Aufsicht“ oder in § 49 HmbSchulG „Nachholen von Unterricht“. Andere Schulgesetze bedienen sich dagegen Generalklauseln, so zum Beispiel Niedersachsen in § 61 NdsSchulG, welches Schlicht von Erziehungsmitteln spricht. Die Anforderungen und Grenzen sind jedoch nahezu in allen Ländern gleich.

Anders als viele Lehrer meinen, ist diese Erziehungsmaßnahme nämlich kein Freifahrtschein für das Nachsitzenlassen von Schülern. In allen Fällen muss darauf geachtet werden, dass es sich nicht um eine entwürdigende Erziehungsmaßnahmen handelt. Das heißt auf der einen Seite darf die Maßnahme nur angewendet werden, wenn ein Schüler durch eigenes Verschulden Unterrichtsstoff versäumt hat. Es ist also keine klassische „Strafe“ für ein Fehlverhalten, sondern soll nur dem Nachholen des Stoffes dienen. Das bedeutet auch, dass das Nachsitzen nur solange dauern darf, bis der Stoff nachgeholt wurde. Dabei muss dies auch unter der Aufsicht eines Lehrers erfolgen. Die Verhältnismäßigkeit gebietet hier ferner, dass ein Nachsitzen nur bei umfangreichen Unterrichtsversäumnissen in Betracht kommt und die Eltern zuvor benachrichtigt werden müssen. Kleinere Zwischenfälle, die lediglich zu einer Unterrichtsversäumnis in einem kleinen Umfang führen, können daher kein Anlass für das Nachsitzen sein.

II.
Lehrer vor dem Strafgericht – So geht es nicht

Ein Lehrer in Nordrhein-Westfalen soll es aber nun so gemacht haben, wie man es auf keinen Fall tun sollte. Der 50-jährige Musiklehrer hat eine komplette Klasse nachsitzen lassen, um eine Strafarbeit zu erledigten. Dabei könne man sich hier schon fragen, ob nicht schon eine verbotene Kollektivbestrafung vorliegt. Gegenstand vor dem Strafgericht ist jedoch ein anderes angebliches Vergehen des Lehrers. Er habe den Schülern nicht nur Verboten den Raum zu verlassen, solange die Aufgaben nicht erledigt seien, sondern er habe sich auch demonstrativ mit seinem Stuhl in den Türrahmen gesetzt. Als ein 13-jähriger Schüler trotzdem versuchte den Raum zu verlassen, soll der Lehrer ihm mit ausgestreckten Arm in den Bauch gestoßen haben. Erst als ein Schüler die Polizei rief, durften sie den Raum verlassen.

Es sollte selbstverständlich sein, dass ein Lehrer möglicherweise Erziehungsmaßnahmen anordnen kann, diese aber nicht mittels Gewalt vollstrecken darf. Es steht völlig außer Verhältnis den Schülern das Verlassen des Raumes zu untersagen oder sie gar in den Bauch zu stoßen. Das heißt selbst wenn das Nachsitzen tatsächlich schulrechtlich gerechtfertigt war, ist zumindest das Verhaltens des Durchsetztens nicht mehr von der rechtlichen Grundlage abgedeckt. Daher können hier tatsächlich Straftaten vorliegen.

III.
Verfahren wegen Freiheitsberaubung und Körperverletzung

Der Lehrer muss sich nun vor dem Amtsgericht wegen Freiheitsberaubung und Körperverletzung verantworten. Am ersten Verhandlungstag wurde der Schüler gehört, der die Polizei rief. Der möglicherweise gestoßene Schüler ist dagegen im Urlaub und wird in einem Folgetermin angehört. Der Lehrer bestreitet die Vorwürfe. Die Klasse sei lediglich so laut gewesen, dass er „den Unterricht schriftlich fortführte“. Dabei habe er jedoch niemanden eingesperrt oder gar geboxt, so der Pädagoge.

Sowohl für die Freiheitsberaubung als auch für die Körperverletzung im Amt droht im Falle einer Verurteilung eine Freiheitsstrafe bis zu fünf Jahren oder Geldstrafe. Zusätzlich droht dem Lehrer ein Disziplinarverfahren, welches häufig noch deutlich empfindlichere Folgen hat, als das reine Strafurteil. Grundsätzlich zeigt sich nicht selten, dass Lehrer für die Grenze ihrer Befugnisse häufig kein gutes Gespür haben. Sei es beim Thema „Umgang mit der Klassenkasse“, „Annahme von Geschenken“, „Abrechnung von Klassenfahrten“, „Verbot von Toilettengängen“ oder „Einziehen von Gegenständen“.

2 Comments

  1. qqK

    5. August 2016 - 23:33
    Reply

    Hätt‘ ich das mal in der 9. Klasse gewusst 😐

    • Mathias Schult

      6. August 2016 - 18:02
      Reply

      Tja und wenn wir alle mit 12 Jahren gewusst hätten, dass wir noch strafunmündig sind 😛

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