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Wenn Kinder töten – 13-Jähriger ist Tatverdächtigter eines Tötungsdeliktes

Normalerweise geht das Strafgesetz davon aus, dass Kinder als Opfer auftreten. In vielen Vorschriften wird daher ihr besonderer Schutz angeordnet. Kinder treten aber auch gelegentlich als Täter auf. Während eine bagatellhafte Straffälligkeit im jugendlichen Alter üblich ist, sind kindliche Täter dagegen sehr selten. Noch seltener sind Tötungsdelikte durch Kinder. In den Fällen wo dies doch vorkommt, handelt es sich meist um Taten zwischen Geschwistern. Tötungen durch Kinder erfolgen nämlich meist aus einer emotionalen Krise heraus.

Solch ein extrem seltener Fall der Tötung unter Kindern fand nun aber in Sachsen-Anhalt statt. Die fand die Polizei einen toten 13-jährigen Jungen. Zuerst ging man von einem Unfall aus, schnell verdichteten sich aber die Hinweise auf einen Freund des Jungen. Dieser Freund ist ebenfalls erst 13 Jahre alt. Er soll gestanden haben, dass er dem Geschädigten mit einem Gegenstand auf den Kopf geschlagen habe. Das Motiv ist bisher unklar. Die beiden gingen gemeinsam in eine Klasse und hatten sich am Sonntagnachmittag zum Spielen verabredet gehabt.

I.
Kein Strafgesetz auf Kinder anwendbar

Was passiert aber nun mit dem kindlichen Tatverdächtigen? Für Jugendliche und Heranwachsende kennt das Strafrecht grundsätzlich das Jugendgerichtsgesetz. Das Gesetz ordnet nicht nur spezielle Verfahrensvorschriften an, sondern hat auch einen ganz eigenen Katalog an Maßnahmen. Die Strafen und Strafrahmen aus dem Erwachsenenstrafrecht finden keine Anwendung. Ziel des Jugendstrafrechts ist das Verhindern von weiteren Straftaten und zwar mit dem Mittel der Erziehung. Aus diesem Grund können Sanktionen im Jugendstrafrecht wirklich überraschend mild ausfallen.

Das Jugendstrafrecht wird dabei immer bei Personen angewandt, die zur Tatzeit unter 18 Jahre waren. Zwischen 18 und bis zu 21 Jahren wird genauer geschaut, ob Jugendstrafrecht oder Erwachsenenstrafrecht Anwendung findet. Wichtiger ist jedoch, dass das Jugendstrafrecht erst ab 14 Jahren greift. Für einen 13-Jährigen wie in diesem Fall ist kein Strafrecht anwendbar. Die Grenze hat übrigens keinen wissenschaftlichen Rückhalt. Immer wieder wird über eine Absenkung der Strafmündigkeit diskutiert. Viele Länder haben eine Strafmündigkeit bereits ab 7 Jahren oder noch jünger.

II.
Familienrechtliche Maßnahmen sind möglich

Dies darf aber nicht dahingehend missverstanden werden, dass der Staat der Meinung ist Kinder würden gar nicht ihr Unrecht einsehen könnten. Der Staat hält lediglich die Mittel des Strafrecht für nicht geeignet, um auf diese Kinder einzuwirken. Daher sind dem Staat auch nicht gänzlich die Hände gebunden. Es stehen jedoch keine strafrechtlichen Maßnahmen zur Verfügung, sondern „nur“ familienrechtliche Folgen können angeordnet werden. Diese wiegen häufig aber nicht weniger schwer.

Dreh- und Angelpunkt ist hier das Achte Buch des Sozialgesetzbuches (SGB VIII). In diesem ist die Jugendhilfe geregelt. Eltern kann hier eine Erziehungshilfe angeboten werden. In schweren Fällen sieht § 42 SGB VIII sogar die Inobhutnahme des Kindes vor.

Es geht hier aber zu keiner Zeit um eine Strafe für das Kind oder gar für die Eltern. Wenn das Kind in einer intakten Familie lebt und das jeweilige Defizit nicht in der Erziehung durch die Eltern liegt, kann gegebenenfalls auch eine ambulante Therapie des Kindes ausreichen. Dies gilt zumindest solange, wie keine Gefahr für das Kind selbst oder Dritte vom Kind ausgeht.

III.
Auch das Kind ist Opfer

Momentan wurde das Kind in die Jugendpsychiatrie eingewiesen. Eine psychologische und psychiatrische Diagnostik ist bei Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen jedoch meist nicht möglich. Viele psychische Krankheiten können erst mit Ende 20 sicher diagnostiziert werden. Auch die Diagnose „Psychopath“ kann frühestens mit 18 Jahren gestellt werden. Es geht daher primär um Krisenintervention.

Nun wird man genauer schauen müssen, wie das Kind in der Familie eingebettet war. Auf jedem Fall wird aber auch das Kind psychologische Betreuung brauchen. Selbst Erwachsene knabbern häufig noch viele Jahre an der Schuld jemand anderes getötet zu haben, für ein Kind, welches möglicherweise erst in den kommenden Jahre realisieren wird was geschehen ist, wird dies besonders schwer sein.

Es handelt sich hier tatsächlich um einen extrem seltenen Fall in der Kriminologie. Und man kann hier glaub ich ruhigen Gewissens sagen, dass es in diesem Fall tatsächlich ausschließlich Opfer gibt.

Bild ©: Paul-Georg Meister / pixelio.de

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