Ingerenz

What Happened: Mit dem „Mainzer Horror-Kindergarten“

Im Juni geisterte der Bericht eines Mainzer Kindergarten durch die Medien. Bild sprach nur von der „Horror-Kita“ und titelte „Kinder missbrauchten Kinder“. Dazu passend war das Ganze in der dazu existierenden Kategorie „Sexualstraftat“ eingeordnet.

Die Vorwürfe: Die drei- bis sechs-jährigen Kinder sollen sich gegenseitig „mit Gegenständen vergewaltigt, bedroht und erpresst“ haben. Die Kinder sollen sogar damit gedroht haben, dass sie, falls ein Opfer auspacken würde, es erschlagen würden.

Eltern bemerkten ferner erschreckende Verhaltensänderungen an ihre Kindern. So nutzten sie zum Beispiel „Fäkalsprache mit sexuellen Inhalten“. Und die Erzieher? Die wollten nichts gemerkt haben und erklärten den Eltern, dass dies ein völlig normales Verhalten sei.

Es durfte im Bericht auch ein Experte zu Wort kommen. Dieser erklärte, warum es zu diesen Taten kam. Schuld sind Pornos und Gewaltfilme, da war sich der Experte sicher. Und warum wurde nicht viel früher eingegriffen? Auch das wusste der Experte „Kinder werden leider nicht so wahrgenommen, wie sie wahrgenommen werden sollten“. Und was sagte der Experte zu der Behauptung der Erzieher, sie hätten davon nichts mitbekommen? Das hält der Experte für nicht vorstellbar. Viel mehr vermutet er, dass sie etwas vertuschen“ wollen.

Die Folgen: Der Kindergarten wurde geschlossen, die Erzieher wurden entlassen und die Staatsanwaltschaft nahm die Ermittlungen auf.

I.
Es fand kein Missbrauch statt

Nun kam die Staatsanwaltschaft zum Abschluss der Ermittlungen. Es wurden 32 Kinder, mehr als 35 Eltern und viele ehemalige Beschäftigte und Praktikanten angehört. Auch Kinderärzte, Rechtsmediziner und weitere Sachverständige kamen im Ermittlungsverfahren zu Wort. Die Akte der Staatsanwaltschaft hat mittlerweile über 2000 Seiten. Am Ende ist sich die Staatsanwaltschaft sicher: Es gab zwar aufgrund von Personalmangel eine gewisse Überforderung der Erzieher, jedoch hat der vermeintliche Missbrauch nie stattgefunden. Die Erzieher haben schlicht nichts von den Missbräuchen mitbekommen, weil es sie nicht gab.

Wie es zu diesen gewaltigen Vorwürfen aber kam? Das ist nicht völlig nachvollziehbar. Man geht momentan davon aus, dass überängstliche Eltern, vor allem durch suggestive Befragung ihrer Kinder, ein immer größeres Horror-Netz gesponnen hatten. Die Presse und das Internet sorgten dann für den Rest.

So sollen Eltern beispielsweise den Vorwurf erhoben haben, dass Kindern „Steckis“ in den Po gesteckt wurden. Steckis sind kleine Plastik-Steine, die ähnlich wie Lego zusammengesteckt werden können. Die Presse machte aus „Steckis“ dann schnell „Stöcker“. Aus den Stöckern wurde dann in einigen Internforen sogar „Gabeln“. So entwickelte sich ein immer größeres Horror-Szenario: Der Kindergarten in dem sich Kinder gegenseitig Gabeln in den Po stecken.

Wie es genau zu den ersten Vorwürfen kam, das ist mittlerweile aber wohl rekonstruierbar. Den Hauptanstoß gab eine Mutter, die wohl selbst psychische Probleme haben soll. Aus einem Whatsapp-Gespräch, welches die Staatsanwaltschaft ermittelt haben soll, soll sich als Motiv „Rache für Vorfälle aus der eigenen Kindheit“ ergeben. Da die Eltern gut untereinander vernetzt waren, wurde der eigene Verdacht immer weiter verstärkt und die Erzieher als „Vertuscher“ dargestellt. Die Kinder wurden solange bearbeitet, bis sie das Gewünschte sagten.

II.
Sensationsgier trifft Empörung

„Sex“, „Gewalt“ und „Kinder“ das garantiert im heutigen Internet Klicks. Je monströser die Vorwürfe, desto besser für die moderne Internetpresse. Dass es sich dabei meist um unbestätigte Vorwürfe handelt, ist eher unwichtig. In der heutigen Zeit heißt es: Je schwerer die Vorwürfe, desto geringer müssen die Beweise sein.

Aus diesem Grund ist das oberste Ziel der Strafverteidigung, vor allem bei Sexualdelikten, dass der Vorwurf so gut wie möglich vor der Öffentlichkeit verborgen bleibt. Hat die Presse erst einmal Blut geleckt, entsteht eine unaufhaltsame Lawine von sich überschlagenden Berichten. Das bedeutet massive private und berufliche Schäden, unabhängig davon, ob etwas an den Vorwürfen dran ist oder nicht. Denn selbst nach einem Freispruch kommt in der Regel weder der Arbeitsplatz noch die geschiedene Ehefrau zurück. Selbst bei einem Freispruch aus erwiesener Unschuld, geht ein großer Teil des Umfeldes meist weiterhin davon aus, dass der Täter die Straftat nur gut genug vertuschen konnte. Je schwerer eine angebliche Tat, desto schwerer fällt es zu akzeptieren, dass jemand es nicht war. Hat sich ein Horror-Szenario im Kopf erst einmal festgebrannt, muss auch jemand am Galgen baumeln.

Davon ist aber nicht nur die Bevölkerung betroffen, sondern auch die Strafverfolgungsbehörden und sogar die Gerichte. Aus diesen Gründen muss sich Staatsanwaltschaft und Polizei immer wieder ins Gedächtnis rufen, dass sie tatsächlich einen Unschuldigen vor sich haben könnten. Mittlerweile sind die Strafverfolgungsbehörden, zumindest in den größeren Städten, immer besser spezialisiert und haben die Problematik weitestgehend erkannt. So wird darauf geachtet, dass mutmaßliche Opfer so wenig wie möglich durch Suggestion beeinflusst werden und immer auch die Möglichkeit einer gezielten Falschbeschuldigung berücksichtigt wird. Maßgeblich zu dieser Entwicklung beigetragen, haben die negativen Erfahrungen aus dem Wormser Missbrauchs-Prozess.

III.
Der Wormser Missbrauchsprozess

Der Fall aus Mainz erinnert nämlich an den wohl größten Justizskandal der jüngsten Geschichte: Dem Wormser Missbrauchs-Prozess. Mitte der 90er Jahren wurde gegen mehrere Eltern Verfahren wegen sexuellen Kindesmissbrauchs eingeleitet. Anstoßt war die Behauptung einer Frau, ihr Ex-Mann, mit dem sie sich im Scheidungsverfahren befand, habe die gemeinsamen Kinder missbraucht. Sie wendete sich zugleich auch an einen Opferhilfe-Verein, der mit schlecht geschulten Mitarbeiterinnen und sehr fragwürdigen Techniken mehrere andere Kinder bezüglich weiterer Straftaten befragte. Am Ende wurde 16 Kindern eingeredet, dass sie sexuell missbraucht wurden. 25 Personen wurden daraufhin in Untersuchungshaft genommen. Darunter auch eine 70-jährige Großmutter, die in Untersuchungshaft starb. Der Vorwurf: Ein riesiges Kinderporno-Netzwerk soll betrieben worden sein.

In Erinnerung bleibt vor allem ein Zitat einer Staatsanwältin. Sie brüskierte sich nach über 100 Verhandlungstagen bezüglich des Vorbringens der Strafverteidigung und fasste die Erklärung der Verteidigung mit folgenden Worten zusammen: „Die Verteidigung meint also: Blindwütige Feministinnen wirken auf ahnungslose Kinder ein, bis die von Missbrauch berichten, und skrupellose Staatsanwältinnen übernehmen das …“. Rückblickend wird die gute Frau hoffentlich selbst schockiert sein, wie nah sie mit ihren Worten an der Realität war.

Denn obwohl mehrere Gutachter zum Ergebnis kamen, dass die Aussagen der Kinder widersprüchlich seien, zum Teil Kinder zur angeblichen Tatzeit noch gar nicht geboren waren, bei den Wohnungsdurchsuchungen kein belastendes Material gefunden wurde und angebliche Täter zum mutmaßlichen Tatzeitpunkt bereits in Untersuchungshaft saßen, forderte die Staatsanwaltschaft bis zu dreizehn Jahre Freiheitsstrafe für die Angeklagten.

Das Gericht beendete die drei Hauptverhandlungen nach fünf Jahren jedoch mit Freisprüchen für alle Angeklagten. Das Gericht stellte fest, dass es die Missbräuche niemals gab und ein Vorsitzender entschuldigte sich sogar ausdrücklich bei allen Angeklagten. Es war schlicht nichts an den Vorwürfen dran. Es fand kein Missbrauch statt.

Die Folgen für die Familien waren jedoch verheerenden. Die berufliche und private Existenzen der Angeklagten, die bis zu 21 Monate in Untersuchungshaft saßen, war völlig zerstört. Die Kinder wuchsen in Kinderheimen auf und glauben zum Teil bis heute, dass sie von ihren Eltern missbraucht wurden. Teilweise waren die Kinder so entfremdet, dass sie nicht mehr zurück zu ihren Eltern konnten. Der Heimleiter eines Kinderheimes, in dem die Kinder untergebracht waren, wurde viele Jahre später sogar noch wegen schweren sexuellen Missbrauchs verurteilt. Auch finanziell haben sich die meisten Beschuldigten nicht erholen können. Die Honorare für die Strafverteidiger kosteten zumeist das gesamte Vermögen der Familien. Eine Erstattung dieser Kosten gibt es beim Freispruch nur im Rahmen der gesetzlichen Höhe. Die restlichen Kosten haben die Angeklagten selbst zu tragen. In dieser Geschichte gab es tatsächlich nur Verlierer.

IV.
Was kann man aber positiv aus dem Mainzer Fall ziehen?

Unerwähnt bleiben sollte jedoch nicht, dass der Fall aus Mainz gezeigt hat, dass die Warnmechanismen bei den Ermittlungsbehörden mittlerweile besser greifen. Es wurde nicht blind den angeblichen Opfern geglaubt. Das ist auch in der heutigen Zeit noch eine Besonderheit, denn in den letzten Jahrzehnten wurden immer mehr „Opferrechte“ in das Strafverfahren eingebracht. Diese Entwicklung führt automatisch zur Beschränkung von Beschuldigtenrechten und birgt immer die Gefahr, dass ein Unschuldiger mehr verurteilt wird. In diesem Fall hat die Staatsanwaltschaft aber kritisch die Berichte der Eltern hinterfragt.

So konnte zumindest eine Hauptverhandlung vermieden wurde. Dass diese riesige Welle in der Presse ausgelöst wurde, das ist den Eltern der Kinder zu verdanken. Diese haben sich nämlich gezielt an die Presse gewandt. Für Außenstehende ist es wohl nur kaum nachvollziehbar, wie schwer die letzten Monate vor allem für die beschuldigten Erzieher gewesen sein muss. Selbst nach der Einstellung der Verfahren, wird es den Erziehern nicht leicht fallen wieder einen Job in ihrem Bereich zu finden. Dazu schlug der blanke Hass der Nation einem entgegen und das alles, ohne dass man sich selbst ein Fehlverhalten vorwerfen musste.

Die Presse wird beim nächsten „Horror-Missbrauch“ aber vermutlich wieder genauso handeln… Der Klicks wegen.

Bild ©: Erich Westendarp / pixelio.de

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2 Comments

  1. chico

    Dezember 14, 2015 - 11:18 am
    Reply

    Also mein blanker Hass schlägt eher diesen Eltern entgegen. Warum müssen die für den angerichteten Schaden nicht aufkommen? Gibt’s da die Möglichkeit im Zivilrecht?

    • Mathias Schult

      Dezember 14, 2015 - 12:34 pm
      Reply

      Sehr sehr schwierig… Es gibt den § 469 StPO der verlangt jedoch, dass „leichtfertig“ (also quasi grob fahrlässig) eine Anzeige erstattet wurde. Dies kann aber auch nur die Staatsanwaltschaft beantragen und nicht der Beschuldigte selbst. Gezahlt werden müssen dann auch nur die „notwendigen Auslagen“. Bei leichteren Vorwürfen wird die „Notwendigkeit“ eines Strafverteidigers regelmäßig verneint, weil die Staatsanwaltschaft ja auch die Beweismittel zu Gunsten des Beschuldigten ermittelt und daher ein Strafverteidiger nicht notwendig sei. Bei schwereren Vorwürfen wird dann lediglich der gesetzliche Satz gezahlt, da man sich ja auch einen günstiger Verteidiger hätte nehmen müssen.

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