Ingerenz

Wie sich im Fall Gina-Lisa ein Skandalurteil herbei fantasiert wird

Ich glaube ich muss nicht viel zum Gina-Lisa-Urteil sagen. Die meisten kennen meinen Standpunkt und ich habe hier und hier schon ausführlich dargelegt, wie ich die Sache sehe. Insgesamt bin ich der Ansicht, dass die Beschuldigte hier noch mehr als glimpflich davon gekommen ist. Ich hätte auch eine deutlich härtere Strafe, bis hin zur Freiheitsstrafe, für vertretbar gehalten. Das Urteil ist jedoch noch nicht rechtskräftig und die Verteidigung hat bereits angekündigt in Berufung zu gehen. Hier gilt dann, sofern nicht die Staatsanwaltschaft auch in Berufung geht, das Verschlechterungsverbot. Das heißt für die Angeklagte kann es in der zweiten Instanz nicht schlimmer kommen, lediglich die zusätzlich Verfahrenskosten können ihr auferlegt werden.

I.
Nach dem Urteil ist vor dem Urteil

Die Richterin hat in ihrer mündlichen Urteilsbegründung eigentlich ganz gut das Wesentliche zusammengefasst. Eine Vergewaltigung fand nicht statt. Auf dem Video sei deutlich zu erkennen, dass die Beschuldigte bei klarem Bewusstsein war. Sie habe Handlungen vorgenommen, wie zum Beispiel eine Pizza bestellt oder einen PC bedient, die unter KO-Tropfen nicht möglich wären. Auch gab es anscheinend nach der fraglichen Nacht noch einvernehmliche sexuelle Handlungen mit einem der von ihr genannten Täter. Auch wurden nach der fraglichen Nacht noch liebevolle Nachrichten mit den angeblichen Tätern ausgetauscht. Dies alles spricht gegen eine Vergewaltigung.

Bereits weit vor dem Urteil wurde sich von Teilen der Bevölkerung jedoch darauf verständigt, dass Frau Lohfink auf jedenfall ein Opfer sei. Selbst unsere Familienministerin hat sich ganz offen „#TeamGinaLisa“ angeschlossen und zwar zu einem Zeitpunkt, in dem das Verfahren nicht nur noch offen war, sondern sich sogar abzeichnete, dass an der Vergewaltigung nichts dran ist.

Nun haben zwei Gerichte klargestellt, dass Frau Lohfink nicht vergewaltigt wurde. Einmal rechtskräftig das Gericht, welches über die Schuld der beiden Männer zu entscheiden hatte und dann das Gericht zum jetzigen noch nicht rechtskräftige Urteil. Wahrscheinlich werden wir auch noch die Ausführungen des Landgerichts dazu hören.

II.
Aber es muss doch irgendwie die Schuld der Männer sein

Dieses, eigentlich einfachere, Ergebnis passt jedoch nicht in allen Weltbilder. Es könne doch nicht sein, dass die Frau der Täter ist und die Männer, die sich wahrlich nicht als Gentlemen präsentiert haben, Opfer sind. Wo kämen wir denn dahin?

Darum probieren seit der Urteilsverkündigung die feministischen Blogs sich irgendwie ein Fehlurteil herbei zu fantasieren. Beispielhaft habe ich den Blog „Identitätskritik“ einmal herangezogen, weil der Text die gesamte Verrücktheit am besten darstellt. Der Blog beschreibt sich übrigens selbst als „Gegen Patriachat und Psychiatrie. Für mehr Feminismus“. Das lass ich mal so unkommentiert stehen.

Am besten gefallen hat mir folgende Stelle, an der Erklärt wird, warum es doch eine Vergewaltigung ist:

„Möchtest du Sex? Ja, aber ich möchte nicht gefilmt werden. Also Filmen, ist doch klar einvernehmlicher Sex. Gefilmt werden als Teil einer sexuellen Handlung ist ein Teil dieser Handlung. Und wenn diese Handlung nicht einvernehmlich ist, handelt es sich nicht um einvernehmlichen Sex. Was ist bloß mit den Leuten los? Fucked-up Sexverständnis.“

Mal ganz davon abgesehen, dass sie wohl grundsätzlich mit dem Filmen einverstanden war, ist DAS der Autorin wohl eher ein „Fucked-up Sexverständnis“. Nach der Definition wäre auch derjenige, der beim Schäferstündchen die Armbanduhr stiehlt, ein Vergewaltiger. Richtigerweise ist und bleibt es aber natürlich ein Diebstahl… Genauso wie die beiden Männer nur wegen der unerlaubten Verbreitung bestraft gehören und auch bestraft wurden (zumindest einer von ihnen).

Ebenfalls unverständlich für die Autorin ist, dass das Gericht erklärte:

Ja, das war kein Blümchensex, die Szenerie war vom Sexualtrieb der beiden Männer bestimmt.““

Die Blogautorin schreibt dazu:

„Auch hier scheitere ich am Verständnis der Einvernehmlichkeit. Klar gibt es Sexualpraktiken, die bestimmte Dominanzrollen vorsehen. Standardheterosex ist so vorgesehen, traurigerweise. Also eine Orientierung an der männlichen Lust. Sex, genauer, Geschlechtsverkehrt, wird durch den Samenerguss des Mannes definiert. Das ist bekannt. Das ist genormt.
Das macht es nicht richtig.
Das macht es nicht okay.
Und das macht eine „Szenerie“ die vom „Sexualtrieb der beiden Männer“ bestimmt war, nicht zu etwas Einvernehmlichem. Einvernehmlich bedeutet, dass alle Partein bewusst in eine „Szene“ einwilligen. „

Man kann nun über die Autorin schmunzeln, die es tatsächlich bedauert (und anscheinend für „nicht richtig“ hält) wie die Natur den sexuellen Akt in der menschlichen Spezies ausgestattet hat. Das hat aber in etwa die Qualität eines kleines Kindes, welches nicht einsieht, dass nicht die Sonne scheint.

Warum Geschlechtsverkehr nun aber durch den Samenerguss des Mannes definiert wird, erschließt sich mir ehrlich gesagt nicht. Weder rechtlich noch in der allgemeinen Anschauung würde ich vermuten, dass jemand Geschlechtsverkehr so definiert. Zumindest ist mir noch niemand untergekommen, der den Geschlechtsverkehr so definiert, dass es zum Samenerguss kommen muss.

Aber gut, darum soll es mir eigentlich auch gar nicht gehen. Aber die Stelle zeigt, was für eine absurde Vorstellung von „Einvernehmlich“ in der „Szene“ vorliegt. Es geht ganz offensichtlich nicht darum, dass zwei volljährige Menschen sich zu Handlungen bereiterklären müssen. Stattdessen, muss mehr oder weniger die „feministische Gesellschaft“ ebenfalls der sexuellen Handlung zustimmen. Quasi als Ersatz für die Kirche im Mittelalter. Einvernehmliche und „gesunde“ Sexualität ist nur die, die mit dem Rollenverständnis der Feministin übereinstimmt. Quasi als eine Art Sittenpolizei. Eine Frau, die sich freiwillig dem sexuellen Trieb von Männern hergibt, verrät mehr oder weniger die Prinzipien des Feminismus und deswegen ist es alles böse… So oder so ähnlich muss man die Autorin wohl verstehen.

III.
Das Urteil hält Frauen von Anzeigen ab

Schließlich wird auch das angebracht, was in keinem Beitrag zum Thema fehlen darf:

„Es ist nicht nur so, dass dieses Urteil Frauen davon abhalten wird, Vergewaltigungen anzuzeigen. Es trägt dazu bei, Frauen davon abzuhalten, ihre Erfahrungen von Gewalt als solche zu definieren.“

Die Behauptung, das Urteil würde Frauen davon abhalten Vergewaltigungen anzuzeigen, wird immer wieder vorgebracht. Prominent ist auch der Fall, bei dem der ehemalige Berliner Generalstaatsanwalt Karge bei Anne Will erklärte, er würde seine Tochter davon abraten eine Vergewaltigung anzuzeigen. Dazu muss man wissen, dass Karge überhaupt gar keine Tochter hat. Aber auch davon ab, war diese pauschale Empfehlung schlicht schwachsinnig.

Es ist richtig, dass ein Opfer von sexueller Gewalt vorher wissen muss, dass im Falle einer Strafanzeige umfangreiche Maßnahmen ergriffen werden. Es geht nämlich darum, dass eine andere Persönlich möglicherweise mehrere Jahre ins Gefängnis kommt. Die anzeigende Person wird daher mehrfach vernommen werden müssen und zwar zu intimen Themen. In der Gerichtsverhandlung wird sie sich regelmäßig auch Fragen der Verteidigung und des Angeklagten stellen müssen, auch dies kann unangenehm sein. Ein Sexualstrafverfahren ist für alle Beteiligte sehr unangenehm. Dies trifft auch auf tatsächliche Opfer zu.

Ob eine Person dies über sich ergehen lassen möchte oder nicht, muss jeder für sich selbst entscheiden. Wenn Opfer sagen, sie würden das Emotional nicht durchstehen, dann ist das zwar Schade, aber doch auch verständlich. Daher ist es an dieser Stelle wichtig, dass man tatsächlich die emotionale Unterstützung der Opfer stärker in den Fokus rückt. Opfer brauchen keine höheren Strafrahmen oder Beschränkungen von Beschuldigtenrechte im Strafverfahren, in vielen Fällen wäre ein respektvoller Umgang und eine offen Aufklärung mit ihnen schon ein Fortschritt.

Letztendlich muss aber deutlich gesagt werden, dass Urteile wie im Fall Gina-Lisa darauf wenig Einfluss haben sollte. Die Signalwirkung des Urteils ist, dass wenn jemand eine falsche Strafanzeige erstattet, er auch die Konsequenzen tragen muss. Das Urteil ist gerade im Sinne aller tatsächlichen Opfer von Sexualstraftaten ergangen. Die Ursache, dass möglicherweise Personen von Strafanzeigen abgehalten werden, liegt vielmehr darin, dass die Falschbeschuldigungsquote so hoch ist. Nur aus diesem Grund muss, vor allem bei Sexualdelikten, überhaupt so genau hingeschaut werden. Nur deswegen kommen die unangenehme Fragen von den Verfahrensbeteiligten und nur aus diesem Grund stehen Geschädigte unter Generalverdacht.

Das Problem sind nicht die Gerichte, das Problem sind Personen die den Justizapparat missbrauchen. Und ein Teil des Problems sind selbsternannte Feministen, die solche Personen dann auch noch decken. DAS ist nämlich ein Schlag ins Gesicht von allen tatsächlichen Opfern von sexueller Gewalt. Das fängt schon beim oberen Blog an, der eine tatsächliche Vergewaltigung gleichsetzt mit dem Fall, dass jemand einvernehmliche sexuelle Handlungen aufnimmt. Wer solch eine Gleichung aufstellt, scheint die tatsächliche schwere von Sexualdelikten nicht zu begreifen.

3 Comments

  1. Martin

    27. August 2016 - 13:05
    Reply

    Ich finde es immer wieder erstaunlich, wie schwer es einem großen Teil der Menschen fällt, ihr Gehirn zu benutzen und sachlich über Fakten zu diskutieren. Beunruhigend ist für mich, dass solche Menschen wählen dürfen…
    Schöner Beitrag, wie auch die vorangegangenen zu dem Thema.

  2. Lennart

    7. September 2016 - 16:26
    Reply

    Wieder mal ein wirklich klasse Artikel. Ich finde du hast den Fall in den letzten Wochen echt gut aufgearbeitet. Wenn man nur Schildkröte mit Hut hört, würde man nicht glauben, dass du zu derart differenzierten Schilderungen fähig bist :-D. Weiter so!

    • Mathias Schult

      8. September 2016 - 20:03
      Reply

      Danke

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