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Wohnungseinbrüche werden „nur zu 16% aufgeklärt“ – Ist das eigentlich eine gute oder schlechte Aufklärungsquote?

Momentan ist das Thema Wohnungseinbrüche wieder ein heißes Thema. Nachdem vor wenigen Wochen bereits durchgesickert ist, dass die Wohnungseinbrüche im Jahr 2015 um 9,9% zunahmen, melden sich nun die Hausratversicherer. Sie verkünden, dass sie an Opfern von Wohnungseinbrüchen im Jahr 2015 mehr als 500 Millionen Euro ausgezahlt haben. Das ist so viel wie seit Anfang der Neunziger nicht mehr.

Die Statistik ist hier tatsächlich relativ genau, weil die Dunkelziffer solcher Taten relativ gering sein dürfte. Ein Wohnungseinbruch wird in der Regel immer angezeigt. Anders als viele andere Straftaten. Daher kann tatsächlich von einer realistischen Abbildung der Kriminalität gesprochen werden. Einziger Verfälschungsfaktor sind vorgetäuschte Wohnungseinbrüche, um Versicherungsbetrug zu begehen. Diese werden statistisch aber nicht gewaltig ins Gewicht fallen.

I.
Wirklich eine schlechte Aufklärungsquote?

Immer wieder hört man dabei von einer „katastrophalen Aufklärungsquote“ bei Wohnungseinbrüchen. Keiner fragt sich aber, ob die Aufklärungsquote tatsächlich so schlecht ist, wie viele es einem glauben machen wollen. Was ist daher wirklich an dieser Aussage dran?

Tatsächlich erscheint die Aufklärungsquote bei Wohnungseinbruchsdiebstahl mit 16% relativ gering. Betrachtet auf alle Straftaten liegt die Aufklärungsquote nämlich bei rund 58%. Man muss hierzu aber wissen, dass eine Straftat dann als aufgeklärt gilt, sobald die Polizisten einen Tatverdächtigen ermittelt hat. Ob diese Person die Straftat am Ende auch begangen hat, ist dagegen aus der Statistik nicht zu entnehmen. Erst recht nicht, ob der Person die Tat dann auch gerichtlich nachgewiesen werden kann.

Ein weiteres Problem ist, dass die Gesamtaufklärungsquote durch sogenannten Kontrolldelikte verfälscht wird. Das sind Straftaten, die nur dann bekannt werden, wenn man gezielt einen Tatverdächtigen kontrolliert. Musterbeispiel sind die Drogendelikte. Die Polizist kontrolliert eine Person am Bahnhof. Findet sie nichts, geht es nicht in die Statistik ein. Findet sie etwas, haben sie gleich einen Tatverdächtigen. Kontrollieren sie also 100 Leute und finden bei 10 etwas, dann haben sie 10 Straftaten in der Statistik die alle aufgeklärt sind.

Ebenfalls wird die Statistik durch Schwarzfahren oder Ladendiebstahl verfälscht. Der Ladendiebstahl hat zum Beispiel eine Aufklärungsquote von über 96%. Dies liegt schlicht daran, dass ein Laden nur dann eine Anzeige erstattet, wenn sie einen Täter auf frischer Tat erwischt haben. Das heißt sie übergeben  den Täter direkt den Polizisten und damit gilt die Tat als aufgeklärt. Würden tatsächlich alle Ladendiebstähle in die Statistik zählen, wäre die Aufklärungsquote wohl eher im Promillebereich.

II.
Relative Betrachtung der Aufklärungsquote?

Um zu zeigen wie schwer es ist zu beurteilen wie „gut oder schlecht“ eine Aufklärungsquote ist, kann man sich folgendes vereinfachtes Rechenbeispiel vor Augen führen. Nehmen wir zum Beispiel an in unserer Kleinstadt werden 100 Wohnungseinbrüche und 100 Schwarzfahrten angezeigt. Durch polizeiliche Arbeit ermittelt die Polizei 16 Tatverdächtige der Wohnungseinbrüche. Die Bahn übergibt mit ihren Anzeigen wegen Schwarzfahrens tatsächlich 99 Tatverdächtige. Wir haben somit bei der Schwarzfahrt eine Aufklärungsquote von 99% und bei Wohnungseinbrüchen von 16%. Die Gesamtaufklärungsquote beträgt 57,5%. Da wirken 16% nun tatsächlich relativ schlecht.

Nun haben wir eine andere Kleinstadt und die genau gleiche Anzeigebereitschaft. 100 Einbrüche und 100 Schwarzfahrten. Ermittelt werden wieder 16 und 99 Personen. Aber die Kleinstadt hat diesmal ihre Züge technisch so ausgestattet, dass sie zählen können wie viele Fahrgäste zugestiegen sind. Die Züge registrieren 100.000 Fahrgäste, wobei aber nur 95.000 Fahrkarten verkauft wurden. Es gab also 5000 Schwarzfahrer, diese werden zur Anzeige „gegen Unbekannt“ gebracht. Eine Ermittlung von Tatverdächtigen ist nicht mehr möglich.

Nun haben wir bei Einbrüchen wieder 16% Aufklärungsquote. Bei Schwarzfahrten haben wir weiterhin 99 Tatverdächtige von 5000 Schwarzfahrten, also eine Aufklärungsquote von 1,9%. Die Aufklärungsquote alle Straftaten liegt somit bei 2,25%. Hier scheint die Polizei bei Einbrüchen überdurchschnittlich erfolgreich zu sein.

Was mit diesem utopischen Beispiel gezeigt werden soll: Obwohl sich die Kriminalität in beiden Beispielen absolut gar nicht unterscheidet und auch die Aufklärungsarbeit der Polizei nicht, ist die Aufklärungsquote relativ gesehen im ersten Beispiel für Einbrüche katastrophal schlecht, während sie im zweiten Beispiel überdurchschnittlich hoch ist.

Das bedeutet: Man kann die Aufklärungsquote nicht relativ zur Gesamtaufklärungsquote betrachten. Man muss sie irgendwie absolut betrachten.

III.
Wie gut oder schlecht ist die Aufklärungsquote nun?

Man muss hier viele Faktoren berücksichtigen, um wirklich fundiert sagen zu können, wie schlecht oder gut die Aufklärungsquote wirklich ist. Wie schon oben gesagt, wird ein Wohnungseinbruchsdiebstahl fast immer angezeigt, das hat meist versicherungstechnische Gründe.

Auch Fahrraddiebstahl wird zum Beispiel immer häufiger angezeigt, da immer mehr Menschen diese über ihre Hausrat mitversichern lassen und der Versicherer eine Strafanzeige verlangt. Auch ich habe schon ein gestohlenes Fahrrad zur Anzeige gebracht, nur um den Nachweis für die Versicherung zu haben. Wäre das Fahrrad nicht versichert gewesen, hätte ich es wohl auch nicht angezeigt. Das heißt die Aufklärungsquote in der Statistik wurde dadurch schlechter, dass ich versichert war. Wäre ich nicht versichert gewesen und hätte die Tat nicht angezeigt, wäre die Aufklärungsquote gestiegen. Es ist somit völlig abstrus: Je mehr Leute sich versichern, desto geringer wird die Aufklärungsquote.

Um also die Aufklärungsquote bei Wohnungseinbrüche überhaupt mit anderen Straftaten vergleichen zu können, müssen wir schauen, ob es überhaupt Straftaten gibt, die die gleichen statistischen Bedingungen aufweisen. Das sind vor allem zwei Faktoren: Es muss nahezu jede Straftat zur Anzeige gebracht werden und dabei darf das Opfer, da es ein heimliches Delikt ist, keinen Tatverdächtigen selbst benennen können.

Tatsächlich fällt es schwer eine vergleichbare Straftat zu finden. Bei Vergewaltigung, Raub oder Körperverletzung ist das Opfer zwangsläufig immer anwesend und kann in vielen Fällen einen Täter sogar namentlich benennen. Delikte wie Betrug, einfacher Diebstahl oder Sachbeschädigung können zwar häufig heimlich erfolgen, werden aber in vielen Fällen nicht zur Anzeige gebracht.

Es gibt schlicht in der Statistik keinen guten Vergleichsmaßstab, um die Aufklärungsquote zu bewerten. Das einzige was man machen könnte ist, dass man die Aufklärungsquote von Jahr zu Jahr beobachtet. Hier hat man den Vorteil, dass Hellfeld und Dunkelfeld quasi identisch ist. Das heißt die Anzeigebereitschaft ist jedes Jahr in etwa gleich. Daher sind die Zahlen gut vergleichbar. Darüber lässt sich aber keine Aussage treffen, wie gut oder schlecht die Quote absolut ist. Es ist nur eine Aussage über die Entwicklung möglich.

IV.
Aufklärungsquote sinkt tatsächlich leicht

Die Aufklärungsquote lag zwischen 2001 und 2008 immer zwischen 18 und 20%. Erst seit 2009 sank die Quote leicht und liegt zwischen 15,5 und 17%. Tatsächlich ist die Quote in den letzten Jahren also leicht runtergegangen.

Der interessante Umstand ist aber, dass sich die Wohnungseinbrüche zwischen 1998 (über 220.000 pro Jahr) bis zum Jahr 2008 (Nur noch knapp über 100.000 pro Jahr) mehr als halbiert haben. Momentan liegen wir bei etwa 150.000 Wohnungseinbrüchen. Anders als die Presse suggerieren möchte, sind die Wohnungseinbrüche momentan daher gerade nicht außergewöhnlich hoch. Sie bewegen sich statistisch eher im Mittelfeld der letzten 25 Jahre.

Wir sind also momentan noch weit entfernt von Zuständen wie Ende der 90er Jahre was die Wohnungseinbrüche betrifft. Der angebliche „Zustrom an Einbrechern durch die EU-Erweiterung und Explosion der Einbrüche“ ist dabei ein gerne verbreiteter rechter Mythos. Bei der EU-Ost-Erweiterung 2004 hatten wir rund 150.000 Wohnungseinbrüche (So viel wie 2015). In den Jahren 2005 und 2006 sank die Zahl weiter und erreichte 2007 bis 2009 mit 100.000 Einbrüchen den Tiefstand. Selbst die Osterweiterung II im Jahr 2007 mit Bulgarien und Rumänien hat die Zahlen somit nicht steigen lassen. Zwar registriert man tatsächlich heutzutage immer häufiger gewerbliche rumänische und bulgarische Einbrecherbanden, diese wirken sich aber erkennbar nicht merklich auf die Statistik aus.

V.
Negative Schlagzeilen verkaufen sich besser

Diese gesamte Entwicklung erklärt auch, warum die Medien für ihre Schlagzeilen und Berichte aktuell nicht die absoluten Zahlen nehmen, sondern die verursachten Schadenssumme. Mit 500 Millionen Euro Schaden sind wir nämlich auf einem höheren Niveau als 1998 (440 Millionen). Der höhere Schaden bei mehr als 1/3 weniger Einbrüchen erklärt sich aber schon schlicht durch die Inflation in den letzten 20 Jahren. Inflationsbereinigt wäre der Schaden von Anfang der 90er Jahre nämlich bei über 750 Millionen Euro. Mit 500 Millionen sind wir gerade nicht als dem Niveau von „Anfang der 90er“, wie die Schlagzeilen verlauten, sondern weit davon entfernt.

Dazu kommt dann auch schon wieder die Forderung nach „mehr Polizei“. Dabei ist einerseits fraglich, ob „mehr Polizei“ tatsächlich eine höhere Aufklärungsquote bedeutet und zweitens was das überhaupt „mehr Polizei“ genau bedeutet. Dazu aber in einem gesonderten Beitrag bezüglich der Frage, was für Nachteile ein „mehr an Polizei“ für den Bürger auch haben kann.

Letztendlich können wir aber festhalten, dass die Einbruchszahlen in den letzten paar Jahren wieder gestiegen sind. Insgesamt ist der Wert aber im Mittel der Statistik der letzten 25 Jahre. Ob die Aufklärungsquote von 16% nun gut oder schlecht ist, kann man schwer beurteilen, Festzuhalten ist lediglich, dass sie mit 20% schon einmal höher lag. Die negativen Schlagzeilen führen aber zu einer „gefühlten Wohnungseinbruchskriminalität“ die fern der realen Gefahr ist. Es wird unnötig die Angst der Bevölkerung geschnürt und dabei das Vertrauen der Bevölkerung in den Sicherheitsapparat und den Ermittlungsbehörden unnötig geschwächt.

Bild ©: Hans Genthe / pixelio.de

1 Comment

  1. Pyrdakor

    4. April 2016 - 9:46
    Reply

    Dem gibt es wohl nichts hinzuzufügen. Danke für den informativen Beitrag. Hab das heute Morgen erst im Fernsehn gesehen.

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