Ingerenz

Your Turn #5: Blutbad nach dem gemischten Doppel

Das Strafrecht: In keinem anderen Rechtsgebiet hat der Laie eine so genaue Vorstellung von „Recht und Unrecht“ wie hier. Regelmäßig werde ich daher hier kleine Fälle präsentieren , die die persönliche Jurisprudenz herausfordern. Es geht dabei nicht darum, die rechtliche „richtige“ Lösung zu finden, sondern sich Gedanken darüber zu machen, wie man das Dilemma wohl selbst lösen würde. Bei meinem Lösungsvorschlag verzichte ich bewusst auf weitschweifende wissenschaftliche Ausführungen und beschränke mich auf die herrschende Meinung und/oder Rechtsprechung. Und jetzt wünsche ich viel Spaß!

I.
Sachverhalt

Nachdem Karl Killer (K) mit Autos und Frauen nur Ärger hatte, konzentriert es sich wieder auf das was er kann. Im Darknet inseriert er seine Dienstleistung unter dem Nickname Shad0wK1ll3r. Bereits kurze Zeit später entdeckt Rentner Raffzahn (R) das Inserat. Er ist sehr erfreut, denn sein Enkel Eribert (E) hat gerade im Lotto gewonnen. Da R der einzige Verwandte von E ist, würde im Todesfall alles dem R zustehen.

Kurzer Hand kontaktiert er K und bestellt das „LeichePlus“-Programm. Dazu füllt er ein Onlineformular aus und lädt ein Foto des E hoch. Unter anderem gibt R auch an, dass E jeden Sonntag von 16 bis 18 Uhr in der Tennishalle spielt.

Am nächsten Sonntag macht sich K pfeifend auf den Weg zur Arbeit. Um 17:45 legt er sich mit seinem Gewehr auf einen nahegelegenen Hügel. Schon 10 Minuten später erkennt der K in der Dämmerung die erste Person aus der Halle kommen. Ein Schuss. Ein Treffer. Eine Leiche. Leider muss K feststellen, dass es sich um eine Frau handelte.

Bevor er über sein weiteres Vorgehen nachdenken konnte, kam bereits eine zweite Person aus der Halle. Da es diesmal ein Mann ist, ist sich K sicher, dass es sich diesmal um den E handeln muss. Ein weiterer Schuss führt zu einer weiteren Leiche. In der Dunkelheit hat er aber nicht erkannt, dass es sich wieder nicht um E handelte.

Aller guten Dinge sind drei, erschießt der K auch die dritte Person die aus der Tennishalle kam. Was der K aber nicht wusste ist, dass E ein gemischtes Doppel gespielt hat. Somit lag eine weitere tote Frau vor der Tennishalle. K musste selbst einsehen, dass er auch als Killer nur mäßig taugt. Er packt daher sein Gewehr ein, fährt zum nächsten Flughafen und fliegt nach Südamerika.

R ist sehr erbost, dass E noch lebt. Vor allem da R bereits Vorkasse an K geleistet hatte. Daher begibt er sich zur nächsten Polizeiwache und zeig K wegen Betruges an. Der wachhabende Polizist erklärt dem R, dass der Betrug sein kleinstes Problem sei und verhaftet ihn wegen Anstiftung zum dreifachen Mord. Zu Recht.

II.
Vorüberlegung

Wir haben hier wieder einen absoluten Klassiker des Strafrechts vor uns. Es handelt sich um eine Abwandlung des Rose-Rosahl-Falls von 1858. Die Frage ist, wie weit der Hintermann tatsächlich für die Verwechslungen des Tatnächsten verantwortlich sein kann.

Auf der einen Seite hat erst der Auftrag des R überhaupt die Gefahr für die drei getöteten Menschen geschaffen. Auf der anderen Seite wollte R aber nie den Tod dieser drei Personen. Er wollte alleine den Tod von E herbeiführen.

Für die Lösung des Falles wird jedoch etwas Grundwissen vorausgesetzt: Es kann passieren, dass ein Täter aus Versehen ein falsches Opfer trifft. Dabei können zwei Konstellationen auftreten.

Die eine heißt“ error in persona vel objecto“. Hierbei wird ein anvisiertes Ziel irrtümlich für ein anderes Ziel gehalten. Wilderer W hält aus Versehen seine potthässliche Frau für ein Wildschwein und schießt. Die Frau ist unmittelbar tot. Die herrschende Meinung und Rechtsprechung wendet hier die Gleichwertigkeitstheorie an. Handelt es sich bei dem gewollten Tatobjekt und dem tatsächlichen Tatobjekt um gleichwertige Rechtsgüter, dann ist die Verwechslung unbeachtlich. Verwechselt ein Täter also zwei Menschen, dann gilt es trotzdem als Totschlag oder Mord. Sind die Sachen dagegen nicht gleichwertig, zum Beispiel Frau und Wildschwein oder Mensch und Regentonne, dann liegt lediglich eine Fahrlässigkeit hinsichtlich des tatsächlich getroffenen Objektes vor und ein Versuch hinsichtlich des anvisierten Objektes. In unserem Wildschwein-Beispielfall wäre W daher wegen versuchter Jagdwilderei (nicht strafbar) und fahrlässiger Tötung dran.

Die zweite Konstellation ist die „aberratio ictus“. In diesem Fall visiert der Täter das richtige Ziel an trifft jedoch aus Versehen ein falsches Objekt. Beispiel: T will die A erschießen. Durch den starken Wind wird die Kugel jedoch so abgetrieben, dass die danebenstehende B getroffen wird. Anders als beim error in persona soll die aberratio ictus nach herrschender Meinung immer beachtlich sein. In diesem Fall ist T daher nur wegen fahrlässiger Tötung an B und versuchter Tötung an S strafbar.

Im Ausgangsfall kombinieren sich diese Probleme nun. Für K liegt ein unbeachtlicher error in persona vor. Aber was ist mit R? Ein error in persona oder ein aberratio ictus?

Mit diesem Vorwissen, sollten wir uns an die Lösung wagen können.

III.
Lösungsvorschlag

Unproblematisch liegt hier eine versuchte Anstiftung zum Mord nach §§ 211, 212, 30 I StGB hinsichtlich des Enkels vor. Problematisch sind hier tatsächlich nur die drei vollendeten Morde.

Man könnte annehmen, dass es auch für R ein error in persona ist. Warum soll der Hintermann besser gestellt werden, als der Vordermann? Es ist das Risiko eines Auftraggebers, dass eine angestiftete Person einen Fehler macht. Das damalige Preußische Obertribunal hat es tatsächlich so im Originalfall gesehen. Dort wurde jedoch nur eine andere Person getötet und nicht drei.

Dagegen hat bereits 1918 Biding das sogenannte „Blutbad-Argument“ ins Feld geführt. Genauso wie in unserem Fall hat Biding nämlich darauf hingewiesen, dass der Vordermann sich immer wieder irren kann und so ein Blutbad anrichtet, welches der Anstifter nie wollte. Der Anstifter wollte EINEN toten Menschen und nicht DREI tote Menschen. Die Befürworter der ersten Ansicht begegnen diesem Argument jedoch dahingehend, dass dieses Vorbringen zwar berechtigt sei, aber anders zu lösen sei. In diesem Fall wird von einem „Exzess“ gesprochen und die weiteren Morde werden nicht zugerechnet. Trotzdem sei der Anstifter für den ERSTEN Mord noch vollverantwortlich.

Eine Gegenansicht hält den Vordermann per se nur für ein „Werkzeug“. Der Anstifter hat den Vordermann eingesetzt um eine spezielle Person zu töten. Dieses Werkzeug ist, wie eine vom Wind weggetragene Kugel, fehlgegangen. Es handelt sich um ein Abweichen des Kausalverlaufes und es ist zu behandeln wie der aberratio ictus. Es ist daher nur wegen fahrlässiger Tötung neben der versuchter Anstiftung zum Mord zu bestrafen.

Eine dritte Ansicht zielt dagegen darauf ab, ob der Anstifter dem Ausführenden die Individualisierung des Opfers selbst überlassen hat oder nicht. Steht zum Beispiel der Anstifter direkt dahinter und zeigt auf das falsche Opfer, so soll der Irrtum beachtlich sein, da der Vordermann dann wie ein Werkzeug fehlgeht.

Hat der Anstifter dagegen dem Vordermann die Auswahl des Opfers überlassen, zum Beispiel nur eine grobe Beschreibung mitgegeben, so soll ein unbeachtlicher error in persona vorliegen.

Der Hintermann soll daher das Risiko tragen, wenn er jemanden mit nicht hinreichenden Informationen losschickt. In unserem Fall hat R lediglich ein Foto und eine Zeit mitgegeben. Auch wusste R, dass es zu der Zeit schon dämmern würde. Somit würde auch die dritte Ansicht zu einer Unbeachtlichkeit kommen.

Je nach vertretener Ansicht ist R somit lediglich wegen fahrlässiger Tötung und versuchtem Mord zu verurteilten, wegen dreifachen Mordes oder wegen einfachen Mordes und in zwei Fällen wegen fahrlässiger Tötung.

Wie hättet ihr entschieden? Ist R ein dreifacher Mörder?

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